Bielefeld Schlüsseldienste und WM-Betrug - das sind die perfidesten Abzockmaschen in Bielefeld

Experten warnen vor vermeintlichen Schnellkrediten, unseriösen Schlüsseldiensten und scheinbar kostenlosen Spiele-Apps. Trotzdem geht die Zahl der Ratsuchenden leicht zurück

Jens Reichenbach

Bielefeld. 11.799 Bielefelder suchten im vergangenen Jahr Rat bei der Verbraucherzentrale Bielefeld. Das ist ein leichter Rückgang gegenüber den Vorjahren. Laut Regionalleiterin Marle Kopf sei aktuell ein Wandel in Richtung digitale Beratung zu spüren. Trotzdem konnten die Beraterinnen mit persönlichem Einsatz so manche Abzocke aufklären oder stoppen. Das machten sie jetzt anlässlich ihrer Jahresbilanz deutlich. Wir stellen die aktuellen Maschen der Abzocker vor. GOLDENE MASTERCARD Unseriöse Online-Anbieter haben im vergangenen Jahr mit der finanziellen Not der Menschen Kasse gemacht. Auf wechselnden Internetadressen wurde vermeintliche Sofortkredite in Form einer Kreditkarte (oft als goldene Mastercard beworben) angeboten. Doch stattdessen erhielten die Kunden für 90 Euro eine Nachnahme-Sendung, die eine wertlose Guthabenkarten enthielt. Laut Kredit-Fachberaterin Diana Böhler-Bachmann registrierte die Verbraucherzentrale in diesem Zusammenhang 2017 eine "Riesennachfrage". Viele Kunden waren sich gar nicht bewusst, dass sie etwas kostenpflichtig bestellt hatten. "Das stand im Kleingedruckten." Selbst wenn sie die Sendung ablehnten, flatterte dann ein Inkassobrief mit der dreifachen Gebühr in den Briefkasten. FALLE FINANZSANIERUNG Ähnlich hoch her ging es bei unseriösen Anbietern, die statt eines Kredits teure "Finanzsanierungsmodelle" übersandten. Zudem wurden parallel Versicherungen und Vereinsmitgliedschaften untergejubelt. Im November konnte die Verbraucherzentrale laut Kopf gegen eine dieser Briefkastenfirmen ("Lugano-Finanz"), die innerhalb des Verfahrens dreimal umfirmiert hatte, ein Urteil erzwingen. Besonders fies: Viele Kunden meldeten, dass sie zwar bereits Formulare ausgefüllt hatten, aber den Vorgang nicht abgeschickt hatten. "Böhler-Bachmann: "Die Anbieter zogen sich diese Daten bereits, obwohl der Bestellvorgang noch nicht abgeschlossen wurde. Ein klarer Datenschutzverstoß." Ingrid Deutmeyer, Leiterin der Beratungsstelle, betont: "All diese Fälle sind anfechtbar. Allerdings müssen wir inzwischen viel hartnäckiger vorgehen. Ein Schreiben reicht heute nicht mehr aus." TEURER SCHLÜSSELDIENST Schlüsseldienst-Abzocker haben laut Deutmeyer im vergangenen Jahr wieder für eine "große Welle der Beschwerden" gesorgt. Die Firmen, die teilweise gar nicht in Bielefeld sitzen, nutzten die Ausnahmesituation der Bürger aus und forderten völlig überzogene Wochenend- und Nachtzuschläge. "Dabei geht es um Summen von 600 bis 700 Euro", so Deutmeyer "Diese Leute setzen die Verbraucher immens unter Druck, damit sie zahlen. Teilweise fahren sie die Kundschaft sogar zum Bankautomaten." Die Expertin empfiehlt eine Anzahlung. Und wenn jemand Druck ausübt, sollte man die Polizei rufen: "Gegen die Höhe der Rechnung kann die Polizei nichts machen, aber wer droht, begeht eine Straftat." ANGEDROHTE PFÄNDUNG Einige Bürger haben in jüngster Zeit Inkasso-Mails erhalten, in denen wegen einer offenen Rechnung die Pfändung von Möbeln und Wertgegenständen angedroht wird: "Die Gegenstände werden mit dem Kleintransporter abtransportiert, für größere Möbel wird eine Spedition beauftragt", heißt es dort. In der Mail wird ein konkreter Termin genannt, sollte man nicht zu Hause sein, seien Schlüsseldienst und Polizei vor Ort. "Diese Briefe sollen Angst machen", erklärt Deutmeyer. Denn abwenden könne man die Pfändung mit einer Zahlung von 750 Euro per Amazon-Gutschein. WM-ABZOCKE Rund um die Fußball-Weltmeisterschaft seien auch viele Abzocker aufgetaucht, sagt Deutmeyer. So hätten Anbieter von Fan-Artikeln nicht das gesetzlich vorgeschriebene Widerrufsrecht akzeptiert. Aber auch WM-Touristen droht Ungemach: "Auf einem Ticketportal werden die Käufer lediglich mit einem Verkäufer vermittelt. Doch das erkennt der Käufer nicht sofort", erklärt Deutmeyer. "Ob man das Ticket erhält oder ob es viel teurer verkauft wird als erwartet, bleibt ungewiss." DATENSCHUTZ-FALLE Auch das neue Datenschutzgesetz, das Expertin Diana Böhler-Bachmann aus Verbrauchersicht grundsätzlich sehr begrüßt, hat Kriminelle auf den Plan gerufen. "Derzeit sind viele Mails unterwegs, die das Einverständnis für das Newsletter-Versenden abfragen", sagt Böhler-Bachmann. "Diese müssen in der Regel aktiv bestätigt werden. Das nutzen Kriminelle zum Abfischen von Daten aus." Wer die langen Texte mit Gesetzeskauderwelsch nicht genau lese, gehe Gefahr, auf Phishing-Mails hereinzufallen und so versehentlich seine Daten preiszugeben. "Es gibt auch Unternehmen, die sich mit den Einverständniserklärungen noch mehr Rechte einräumen."

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