Persönlicher Dank: Sascha Hassenewert (r.) aus Neuenbeken lebt seit einem Jahr mit einem Spenderherz und ist heute wieder sichtlich fit. Das hat er auch vielen Menschen zu verdanken, die Blut spenden. So wie Michael Eikelmann (l.), der von Mitarbeiterin Jessika Schitz behandelt wird. - © Wolfgang Rudolf
Persönlicher Dank: Sascha Hassenewert (r.) aus Neuenbeken lebt seit einem Jahr mit einem Spenderherz und ist heute wieder sichtlich fit. Das hat er auch vielen Menschen zu verdanken, die Blut spenden. So wie Michael Eikelmann (l.), der von Mitarbeiterin Jessika Schitz behandelt wird. | © Wolfgang Rudolf

Bielefeld/Paderborn Das dritte Herz: 104 Blutspenden retten ein Leben

Kampf: Eigentlich müsste Sascha Hassenewert tot sein. Doch durch die Mithilfe vieler fremder Menschen bleibt er am Leben

Ingo Kalischek

Bielefeld/Paderborn. „Wenn es Menschen wie Dich nicht gäbe, wäre ich nicht mehr auf der Welt", sagt Sascha Hassenewert und reicht Michael Eikelmann die Hand. Beide haben eine besondere Beziehung zum Tod. Der eine ist ihm knapp entkommen, der andere versucht weitere Menschen vor dem Tod zu bewahren, seit vielen Jahren. Ein Retter und ein Überlebender in direktem Austausch – ein ungewöhnlicher Moment. Sascha Hassenewert hat durch das Blut von 104 Menschen überlebt; Michael Eikelmann hat bei 103 Menschen dazu beigetragen, dass sie überleben. Der Grund: Er spendet Blut, seit 30 Jahren, einmal pro Woche. Der Bielefelder kommt auf die beeindruckende Bilanz von 424 Plasma- und 104 Vollblutspenden. Zwei außergewöhnliche Werte, die seinesgleichen suchen. Wessen Leben er damit rettet, weiß Eikelmann nicht. Das bleibt anonym. Und dennoch kann es theoretisch sein, dass auch Hassenewert sein Blut erhalten hat. Beide haben die Blutgruppe „0 positiv". Sascha Hassenewert lebt seit seiner Geburt mit einem Herzfehler. Der bereitet ihm ab dem Jahr 2009 zunehmend Probleme. „Sobald ich eine Treppe hochgehen musste, fühlte ich mich so, als hätte ich eine schwere Grippe", sagt der 36-Jährige. Im Juni 2016 wird er wegen eines Blutgerinnsels im Herzen notoperiert. Er liegt fünf Tage im Koma, bekommt schließlich zwei Wochen später ein Kunstherz. Doch sein Brustkorb entzündet sich dadurch, der Körper stößt das Kunstherz ab. »Die Ärzte gaben mir neun bis zwölf Monate« Fünf Monate lang liegt Hassenewert auf einer Spezialstation im Bad Oeynhauser Herz- und Diabeteszentrum NRW (HDZ) und wartet auf ein Spenderherz. Jeden Tag kann es so weit sein, lange Zeit aber passiert nichts. „Die Ärzte gaben mir neun bis zwölf Monate." Dass sich ein Spender findet, bezweifelt Hassenewert zu keiner Sekunde. „Ich bin ein Kämpfer und denke positiv." Das zahlt sich aus. 2017 pflanzen ihm die Ärzte in einer mehrstündigen Operation ein Spenderherz ein – „ein Sechser im Lotto mit Zusatzzahl". Hassenewert erhält eine zweite Chance, gewinnt den Kampf gegen den Tod. Zu verdanken hat er das vielen: den Ärzten, den Pflegern, dem Organ-Spender – und 104 Blutspendern. Während der Operationen benötigten die Ärzte 52 Liter fremdes Blut – 104 Menschen spendeten je einen halben Liter. Hassenewert weiß: Ohne das Blut nützt auch das Spenderherz oder die Leistung des Arztes nichts. »Ich bin emotionaler, nachdenklicher und dankbarer geworden« Sein Körper nimmt das neue Herz an, Hassenewert erholt sich. Heute fährt er wieder Motorrad, macht Sport – und will im Herbst sogar an einem Zehn-Kilometerlauf teilnehmen. Die Ärzte sagen ihm eine ungewöhnliche Fitness nach – für das, was er erlebt hat. Auch von außen sind ihm die Strapazen nicht anzusehen. Verändert habe er sich dennoch: „Ich bin emotionaler, nachdenklicher und dankbarer geworden". Er schätze jeden Tag, den er gesund verbringen kann. Dankbar ist er auch deshalb, weil er es ohne die fremde Hilfe ganz normaler Menschen nicht gepackt hätte. Umso spannender ist es für Hassenewert zu erfahren, warum es diese Menschen gibt – und warum sie helfen. „Ich empfinde es als moralische Verantwortung, kranken Menschen einen Teil meiner Gesundheit abzugeben", sagt Michael Eikelmann und wirkt dabei fast ein wenig schüchtern – so, als wolle er lieber unerkannt bleiben. Bereits als Student spendete er Blut, in seiner Familie sei das völlig normal gewesen. Von einigen Arbeitskollegen aber werde der 57-Jährige noch immer „wie ein Exot" angeschaut. Blutspenden? Für viele offenbar kein Thema. Immerhin drei Kollegen konnte er überzeugen. Mit ihnen spendet Eikelmann auch weiter regelmäßig Blut – und ermöglicht Menschen wie Sascha Hassenewert eine zweite Chance.

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