Bielefeld Harsche Kritik: "Im Dezernat von Ingo Nürnberger spricht nur einer - er selbst"

Der ist empört und reagiert genervt. Er sei oberster Lobbyist des sozialen Wohnungsbaus

Kurt Ehmke

Bielefeld. Ob Baumheide, Sieker oder Ostmannturmviertel, Andreas Kämper kennt und schätzt in den sozialen Brennpunkten fast jeder. Der Mann, der bis März im Sozialdezernat arbeitete, gilt als Experte für die Wohnungs- und Obdachlosigkeit, für das weite Feld der Armut. Nun ist der 65-Jährige nach fast 35 Jahren bei der Stadt im Ruhestand, einer aber lässt ihm keine Ruhe: der Gedanke an den im Februar 2015 gekommenen Sozialdezernenten Ingo Nürnberger. Für Kämper ist es der siebte Sozialdezernent unter dem er arbeiten durfte - und der mit am meisten Luft nach oben, so Kämper. Gründe für die Kritik nennt er auch. Nürnberger sei ein Dezernent, der eher losgelöst von seinen Mitarbeitern arbeite und entscheide. "Es gibt viele ältere Kollegen voller Kompetenz und Erfahrung - aber er fragt sie nicht." Dezernenten wie Burkhard Hintzsche und Tim Kähler hingegen hätten immer zu konstruktiver Kritik aufgefordert. Von Kähler ist bekannt, dass er Querdenker wie Kämper schätzte. Auf Anfrage sagt Kähler aber nur einen Satz: "Aus der Distanz kann und will ich mich nicht zur Arbeit von Ingo Nürnberger äußern." »Im Dezernat von Ingo Nürnberger spricht nur einer - er selbst« Ein Mitarbeiter des Dezernates, dessen Name außen vor bleiben soll, ist auch schon fast 20 Jahre dabei, er hat eine andere Wahrnehmung als Kämper: "Mein Eindruck ist, dass im Dezernat sehr viele eher angetan sind von Nürnberger." Fakt ist: Längst ist aufgefallen, dass Nürnberger kleinste Termine möglichst selbst besetzt - und zu weit mehr Themen als üblich sogar etablierten Amtsleitern untersagt, Auskünfte zu geben und Position zu beziehen. Es gebe Mails zu Dienstwegen und Maulkörben, aber kaum Mails mit Inhalten, wundert sich Kämper. Nürnberger reagiert auf diese Vorwürfe glasklar: Für ihn stehe fest, dass es aus einem gut geführten Dezernat genau eine Stimme gebe, die nach außen spreche - die des Dezernenten. Nur so sei zu gewährleisten, dass das Dezernat geschlossen und mit exakt einer Position auftrete. "Ein Trauerspiel" Kämper findet das falsch, so werde Haltung unterdrückt. Fakt ist: Die Unbequemen aus Kählers Riege sind alle längst woanders untergekommen. Nürnberger kontert das mit vielen internen Runden, in denen offen diskutiert werde: zweiwöchentlich mit Führungskräften, zweimal zum Jahreswechsel mit allen 35 Geschäftsbereichsleitern. "Und das nicht autoritär", sagt Nürnberger, sichtbar verärgert. Kämper moniert auch, dass im Bereich der Wohnungshilfe quasi ignoriert werde, "dass es nicht nur 30 Leute gibt, die Platte machen, sondern gut 400 sogenannte Sofaschläfer, die mit einem Bein auf der Straße stehen". In diesem Themenfeld sei Bielefeld früher ein Leuchtturm gewesen, "heute ist es ein Trauerspiel". Bielefeld sei die erste BRD-Stadt mit einer "Beratungsstelle für Stadtstreicher" gewesen. Heute werde die "Fachstelle für Wohnungserhalt und -sicherung" personell zurückgefahren. Der Dezernent empört sich über die Vorwürfe, er verweist auf den aktualisierten Wohnungslosenbericht und einen gesonderten Fachtag. Vermisst wirksame Strukturen Kämper vermisst, dass Nürnberger die Strukturen im Sozialdezernat so umbaut, dass sie auch wirksam seien. Das unter Kähler entstandene Büro für "Integrierte Sozialplanung und Prävention" sei in die richtige Richtung gegangen, weil es Aufgaben zusammengeführt habe. Folgerichtig wäre als nächster Schritt gewesen, Sozial- und Jugendamt zusammenzuführen - "da war Kähler dran, jetzt aber wird da nichts mehr weiterentwickelt". Ideal sei es für Quartiere wie Baumheide und Sieker, die Themen Jugend, Soziales, Bildung und Bau dezentral zusammenzufassen - die Familien hätten fast immer Problembündel, die aus einer Hand angegangen werden müssten. Das sei unter Angelika Dopheide als Oberbürgermeisterin schon einmal angegangen worden, aber über die Jahre und bis heute gen Null zurückgefahren worden. Meilenweit sei das Dezernat von leistungsstarken Dienstleistungszentren entfernt. »Es fehlt der Einsatz für Grundstückskäufe für Sozialwohnungen« Stimmt, sagt Nürnberger, es habe diese Struktur einmal gegeben, unter David sei sie abgeschafft worden. Denn: "Die Zusammenarbeit kann dezentral besser sein, es leidet aber meist doch eher die Fachlichkeit in kleinen Einheiten." Dennoch lege er "enormen Wert" auf die Verknüpfung von Themen und Bereichen. Kämper moniert, dass Ingo Nürnberger Baudezernent Gregor Moss "das Feld überlässt". Es fehle der Einsatz für Grundstücksankäufe für den sozialen Wohnungsbau, an Impulsen. "Früher hat sich Jürgen Heinrich als Dezernent jährlich mit allen Akteuren der Wohnungswirtschaft getroffen." Nürnberger und Sozialamtsleiterin Susanne Schulz ließen das Themenfeld links liegen. Kämper: "Spätestens 2015 hätten sie erkennen müssen, dass der Wohnungsmarkt dramatisch eng wird - und voll gegensteuern müssen." Vorwürfe empören Nürnberger Vorwürfe, die Nürnberger empören. "Ich argumentiere ständig für die 25-Prozent-Quote für den sozialen Wohnungsbau in Neubaugebieten, ich verstehe mich als oberster Lobbyist für das Thema in Bielefeld." Zudem sei die Zusammenarbeit mit Baudezernent Moss "sehr gut". Kämper wiederum empört, dass "jede vierte Bedarfsgemeinschaft in einer Wohnung lebt, die teurer ist als die vom Jobcenter bezahlten Kosten der Unterkunft." Das könne die Stadt ändern, doch nichts geschehe. Folge: Das fehlende Geld müsse irgendwo herkommen - über Hungern, Schwarzarbeit, Prostitution, Diebstahl. "Hier wird Armut geboren, und wir sehen dabei zu", klagt Kämper an. Der Vorwurf lässt Nürnberger genervt den Kopf schütteln.

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