Obwohl die Kassenärztliche Vereinigung eine Überversorgung sieht, steht das Bielefelder Kinderarzt-System vor dem Zusammenbruch. - © Symbolfoto: picture alliance / BSIP
Obwohl die Kassenärztliche Vereinigung eine Überversorgung sieht, steht das Bielefelder Kinderarzt-System vor dem Zusammenbruch. | © Symbolfoto: picture alliance / BSIP

Bielefeld Dramatischer Mangel an Kinderärzten in Bielefeld

Nur auf dem Papier gilt Bielefeld noch als gut ausgestattet. Tatsächlich basiert die Zahl der Ärzte noch auf Erhebungen aus den 90er Jahren. Außerdem verteilen sich die Praxen höchst ungleich in der Stadt

Timo Thalmann

Bielefeld. Kinderärzte in Bielefeld sind gesucht. In vielen Praxen werden neue Patienten nicht mehr aufgenommen . Und auch die Betroffenen selbst sehen den Mangel. "Wenn uns aus Altersgründen jetzt noch ein oder zwei Kollegen wegbrechen, ohne dass sie Nachfolger finden, bricht das System zusammen", sagt Marcus Heidemann. Der Kinderarzt ist Sprecher der 28 Bielefelder Kinderärzte im Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte. "Wenn wir Patienten abweisen, dann ist das reiner Selbstschutz." Wer unbegrenzt Patienten annehme, könne irgendwann einfach nicht mehr sicherstellen, den betreuten Patienten zeitnahe und ausreichend lange Termine anzubieten. Heidemann belegt die Belastung bei sich und seinen Kollegen zudem mit Zahlen. "Wenn es kein Notfall ist, müssen wir Patienten abweisen" Danach gibt es in Westfalen-Lippe die höchsten Fallzahlen je Kinder- und Jugendarzt. Konkret: Im ersten Quartal 2017 wurden hier bei jedem Kinderarzt 1.422 Fälle vorstellig, im Bundesdurchschnitt sind es dagegen 1.163 Fälle. "Wenn es also kein wirklicher Notfall ist, müssen wir Patienten abweisen, so schwer uns das als Ärzte auch fällt." Die Versorgung in Bielefeld sei seit Jahren auf Kante genäht. Für Jens Flintrop sind andere Zahlen eindeutig. "Der Bedarf an Kinderärzten wird auf der Ebene von Kreisen und Städten geplant", sagt der Sprecher der Kassenärztlichen Vereinigung Westfalen Lippe (KVWL). Für Bielefeld seien pro Arzt 2.405 Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren vorgesehen. Diskrepanz: Kassenärztliche Vereinigung sieht sogar Überversorgung Bei 26,5 Kinderärzten in Vollzeit - real gibt es 28 praktizierende Kinderärzte in der Stadt - und 56.888 Kindern ergibt sich damit rechnerisch eine Versorgungsquote von 112 Prozent. "Wir haben also sogar ein leichte Überversorgung." Allerdings stände die Kassenärztliche Vereinigung trotz dieser guten Papierform weiteren Praxiseröffnungen nicht im Wege. "Wenn sich ein Kinderarzt in Bielefeld ansiedeln will, wird es sicher nicht an der Zulassung scheitern", betont Flintrop. Aus Heidemanns Sicht macht sich die KVWL damit einen schlanken Fuß. "Einfach zu sagen, die Vorgaben sind erfüllt, reicht heute nicht mehr aus." Er stellt die Bedarfszahlen selbst in Frage. "Im Prinzip basieren die Zahlen auf dem Bestand der 90er Jahre." Damals habe man die vorhandenen Arztpraxen mehr oder weniger als Bedarf definiert. "Es ging darum den Status Quo zu erhalten." Die Vorgabe von 2.405 Kindern je Kinderarzt ist für eine Stadt wie Bielefeld nach seiner Meinung nicht mehr zeitgemäß. Maßstab stammt aus den 90ern - seitdem stieg die Zahl der Pflichtuntersuchungen "Wir haben viel mehr Vorsorgeuntersuchungen, wesentlich mehr Impfungen sowie spürbar ausgeweitete Dokumentationspflichten, als in den 90er Jahren." Der Zeitaufwand je Patient sei damit gestiegen. Tatsächlich soll die Bedarfsplanung erstmals seit über 20 Jahren in diesem Jahr neu konzipiert werden. Das wird allerdings nichts an der durch Zuzug und eine gestiegene Geburtenrate wachsenden Zahl der Kinder in Bielefeld ändern. Die jüngste Statistik weist zum Stichtag 31. Dezember 2017 über 60.000 Einwohner unter 18 Jahren auf, rund 18 Prozent der Bevölkerung und rund 4.000 mehr, als die KVWL für ihre Planungen zu Grunde legt. Hinzu kommt: Die Kinderärzte verteilen sich mit Blick auf die Zusammensetzung der Bevölkerung sehr ungleich. Auf der Ebene der Stadtbezirke gibt es starke Ausreißer nach oben und unten. Im Bezirk Stadtmitte leben beispielsweise über 12.000 Kinder und Jugendliche, aber nur zwei Ärzte haben hier ihre Praxis. In Mitte entfallen auf jeden Kinderarzt 6.000 potenzielle Patienten Auf jeden entfallen also mehr als 6.000 potenzielle Patienten. Das andere Extrem findet sich in Gadderbaum: Vier Ärzte in einer Praxis teilen sich weniger als 2.000 Kinder und Jugendliche, die in diesem Stadtbezirk wohnen (siehe Grafik). Die Folge: Selbst innerhalb Bielefelds bedeuten Kinderarztbesuche bisweilen längere Anfahrtswege. Auch dazu hat die Kassenärztliche Vereinigung eine klare Auffassung: Anfahrtswege bis zu 30 Minuten mit öffentlichen Verkehrsmitteln seien für Facharztbesuche zumutbar. Andererseits gibt KVWL-Sprecher Flintrop zu, dass Kinderärzte ähnlich wie Hausärzte in Wohnortnähe sein sollten. Bei der anstehenden Überarbeitung der Vorgaben dürfte daher auch überlegt werden, ob neben gestiegenem Zeitbudgets je Patient auch kleinere Planungsräume zur Grundlage der Bedarfsplanung werden sollten.

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