Trauma ohne Erinnerung: Obwohl sich der Bielefelder nicht daran erinnern kann, dass vier Schläger auf ihn eingeschlagen und getreten haben, leidet er unter einer posttraumatischen Belastungsstörung, die sich im Unterbewusstsein abspielt. - © Małgorzata Tomczak/Pixabay
Trauma ohne Erinnerung: Obwohl sich der Bielefelder nicht daran erinnern kann, dass vier Schläger auf ihn eingeschlagen und getreten haben, leidet er unter einer posttraumatischen Belastungsstörung, die sich im Unterbewusstsein abspielt. | © Małgorzata Tomczak/Pixabay

Bielefeld Bielefelder wird auf der Straße der Kiefer gebrochen und traumatisiert

Vier Schläger prügeln auf einen Bielefelder (42) ein. Trotz Kieferbruchs geht er bald wieder ins Büro. Trotz Amnesie bremst ihn ein Trauma bis heute unterbewusst aus

Jens Reichenbach

Bielefeld. Es war ein lauer Sommerabend 2017 in Bielefeld. Plötzlich pöbelt ein Schlägerquartett den 42-jährigen Passanten an und prügelt und tritt schließlich auf ihn ein. Der Bielefelder erleidet dabei einen dreifachen Kieferbruch. Weil er schon beim ersten Schlag aufs Kinn bewusstlos wird, hat er keinerlei Erinnerung an die Tat. Trotzdem leidet er bis heute unter den Folgen. "Mein Trauma wird im Unterbewusstsein aufgearbeitet", sagt der Bielefelder heute. "Seitdem bin ich nicht mehr derselbe." Traumatisierte zeigen unterschiedlichste Symptome und reagieren auf unterschiedlichste Weise auf das Erlebte. Während das Bielefelder Opfer der Amokfahrt von Münster mit wiederkehrenden Bildern und heftigen Körperreaktionen zu kämpfen hat, sieht der 42-Jährige aufgrund seines totalen Blackouts kaum Probleme: "Ich kann ohne Angst nachts rausgehen und ich sehe mich auch nicht ständig um", sagt er. Trotzdem leidet der Selbstständige seit Monaten unter der Tat von damals. Trotz verdrahtetem Kiefer geht er schnell wieder ins Büro Weil er ohne Mitarbeiter ist, will er so schnell wie möglich nach der Kiefer-Operation wieder an seinen Arbeitsplatz zurückkehren. Zahlreiche Projekte mit Fristen warten dort auf Erledigung. Nur eine Woche nach dem Vorfall geht der Bielefelder, der hier nicht erkennbar dargestellt werden möchte, wieder zur Arbeit. Und das, obwohl sein Kiefer immer noch verdrahtet ist. Drei Wochen lang konnte er weder normal essen, noch richtig reden. "Nur ein bisschen telefonieren war drin." All seinen Kunden erklärte er, was ihm in jener Sommernacht widerfahren war, und er bat um Verständnis für die Verzögerungen. Einen Großteil der Aufträge beendete der Selbstständige trotz der Attacke, regelmäßiger Physiotherapien und Arztbesuchen termingerecht. "Meine Konzentrationsfähigkeit ist nicht mehr so wie früher" "Durch das Weiterarbeiten hatte ich noch gar nicht realisiert, was in meinem Kopf passiert war", sagt er knapp ein Jahr später. Der Bielefelder nahm in kürzester Zeit 20 Kilo ab, schlief schlecht und wachte enorm früh auf. Als der 42-Jährige im Herbst wieder voll in den Berufsalltag einsteigen wollte, kam der große Dämpfer: "Ich habe bemerkt, dass meine Konzentrationsfähigkeit nicht mehr so war wie früher." Für eine E-Mail, die er sonst in 15 Minuten erledigt hatte, benötigte er plötzlich ein bis zwei Stunden. Er kam mit seiner Arbeit gehörig ins Schleudern. Schließlich geht er auf Anraten seines Hausarztes zu einem Therapeuten und der stellt zum Erstaunen des Patienten wieder einen Bezug zu der Tat im Sommer her und sagt: "Weil ich keine Erinnerung an die Tat habe, verarbeitet mein Unterbewusstsein die Tat im Schlaf, hat mir der Therapeut erklärt." Möglicherweise bestehen eben doch noch Erinnerungen, die im Traum wieder auftauchen, Alpträume auslösen und den Patienten stark beeinträchtigen. Wäre der 42-Jährige Angestellter, wäre er aufgrund dieser Diagnose bis Januar krankgeschrieben gewesen. Doch er konnte das nicht. Das Problem: Längst haben seine Kunden das Verständnis für seine Situation verloren. "Anfangs haben sie mir ja angesehen, was mir passiert ist. Nach einem halben Jahr reagierten die Kunden nicht mehr so verständnisvoll." Erste Rechnungen wurden nicht mehr bezahlt, Restzahlungen blieben aus. "Zur Aufarbeitung meines Traumas kamen plötzlich auch noch Existenzängste", sagt er. Obwohl er allen Kunden erklärte, dass er seit Längerem eine Traumatherapie mache, bestehen die Kunden auf Erfüllung der Verträge. Ilse Haase vom Opferschutzverein "Weißer Ring" betont: "Für Traumatisierte ist es schwer, auf beruflicher Ebene ein Entgegenkommen zu erhalten."

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