Der gesamte Jahnplatz ist aufgerissen. In den 50er-Jahren fuhren die Stadtbahnen noch oberirdisch an der großen Baustelle vorbei. - © Stadtarchiv Bielefeld
Der gesamte Jahnplatz ist aufgerissen. In den 50er-Jahren fuhren die Stadtbahnen noch oberirdisch an der großen Baustelle vorbei. | © Stadtarchiv Bielefeld

Bielefeld Als der Bielefelder Jahnplatz am offenen Herzen operiert wurde

Als der Jahnplatztunnel eröffnet wurde, war die ganze Stadt Bielefeld euphorisiert

Alexandra Buck

Bielefeld. Am 19. Juli 1957 pilgerten Tausende von Menschen zum Jahnplatz. Kein Bein bekam man an die Erde, als der damalige Oberbürgermeister Artur Ladebeck den umgestalteten Platz freigab. Es dürfte ähnlich zugegangen sein wie am 26. Oktober 2017, als in Bielefeld das neue Shoppingcenter Loom an der Bahnhofstraße eröffnete. Den ganzen Tag, es war ein Freitag, strömten Menschenmassen durch den neuen Tunnel. Lange Schlangen an den Rolltreppen Es bildeten sich Schlangen an den Rolltreppen. „Jeder wollte einmal ganz umsonst in die Erde und wieder hinauf fahren", berichtete die Freie Presse, eine Vorgängerzeitung der Neuen Westfälischen. Die weit über Ostwestfalen hinausgehende Attraktion bildete einen vorläufigen Schlusspunkt in der Diskussion über eine verkehrsgerechte Gestaltung der Bielefelder Innenstadt. Dem Jahnplatz kam dabei damals wie heute eine Schlüsselrolle zu. 1952 waren es 19.000 Fahrzeuge, die den Platz täglich passierten, nur wenige Jahre später waren es schon mehr als 25.000 Pkw, Lkw, Motorräder und Fahrräder und zusätzlich drei Straßenbahnlinien, die über den Jahnplatz fuhren. Dazu kamen noch die vielen Fußgänger. Eine brisante Mischung. Phänomene wie beim Shoppingcenter Loom Mit der Neugestaltung des Jahnplatzes beauftragte die Stadt 1954 Max-Erich Feuchtinger. Der kam auf die die Idee, den Fußgängerverkehr unfallsicher durch einen Tunnel zu leiten, während der Straßenverkehr störungsfrei abfließen kann. Das faszinierte die Ratsmitglieder. An die Radfahrer indes dachte niemand. Ein Radweg war nicht vorgesehen. Am 10. März 1955 wurde beschlossen, den Jahnplatz zu einem „Oberdeck für Verkehrsfahrzeuge" umzubauen. Im Mai 1956 begannen die Umbauarbeiten des Jahnplatzes.  Verkehrsteilnehmern, Fußgängern und dem Einzelhandel wurde viel Geduld abverlangt. Platz komplett aufgerissen Der Platz wurde aufgerissen, man legte Kanäle frei, die neu verlegt werden mussten. An vielen Stellen versperrten meterhohe Bauzäune den Blick auf Bielefelds größte Baustelle oder den gewohnten Weg über den Platz. Und überall war der Lärm von Dampframmen zu hören, die unzählige Spundwände einsetzten. Doch die Bielefelder meckerten laut den Aufzeichnungen des Bielefelder Stadtarchivs kaum. "Es überwog vielmehr die Neugier, durch Bretterzäune zu schauen oder barrierefreie Plätze zu suchen, um einen Blick auf die Baustelle zu erhaschen", heißt es. Wieder diese Ähnlichkeit mit dem Bau des Shoppingcenters Loom. 86 Meter langer Sog Der Tunnel schließlich wirkte auf die Bielefelder wie ein Sog. Er war und ist 86 Meter lang, hat elf Ein- und Ausgänge, von denen zwei mit Rolltreppen versehen waren. Sonst führen 24 Stufen in vier Meter Tiefe. Doch der Jahnplatztunnel verlor seinen Charme über die Jahre. Die Wände wirkten schon nach wenigen Jahren beschmiert. Viele Fußgänger hatten abends Angst, ihn zu betreten. Später konnte niemand mehr so recht verstehen, warum der Jahnplatz als ein fortschrittliches Verkehrsprojekt in ganz Deutschland bewundert wurde.

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