Nachwuchs eines unserer seltensten Tiere: Drei Wanderfalken hocken auf dem Kies im Nistkasten in 107 Metern Höhe an der Müllverbrennungsanlage. Der Kies wird eingestreut, damit sich die Eier beim Brüten nicht drehen, das mag der Falke nicht. - © Thorsten Ulonska
Nachwuchs eines unserer seltensten Tiere: Drei Wanderfalken hocken auf dem Kies im Nistkasten in 107 Metern Höhe an der Müllverbrennungsanlage. Der Kies wird eingestreut, damit sich die Eier beim Brüten nicht drehen, das mag der Falke nicht. | © Thorsten Ulonska

Bielefeld Auf den Türmen der Bielefelder Stadtwerke brüten Wanderfalken

Zwei Paare des extrem seltenen Vogels brüten in Bielefeld

Kurt Ehmke

Bielefeld. Das Gekreische in 120 Metern Höhe ist groß. Zwei der extrem seltenen Wanderfalken überfliegen die drei Turmspitzen der Müllverbrennungsanlage - in Sorge um ihre drei Kinder. Dass sie sich nicht sorgen müssen, können die Raubvögel nicht wissen. Für sie ist Fakt: Gleich mehrere Menschen turnen oben auf dem Turm herum, zwei nähern sich nicht nur den kleinen Falken, sie fassen sie auch an. Alarmstimmung in 107 Metern Höhe am Brutkasten. Ein Fehlalarm - denn die Kleinen werden nur beringt und der Nistkasten gesäubert. Dann dürfen sich die schnellsten Tiere der Erde weiter um ihren Nachwuchs kümmern. Mehr als 320, angeblich vereinzelt bis zu 400 Kilometer pro Stunde erreichen Wanderfalken im Sturzflug; die Lieblingsopfer der Falken - Tauben und Krähenvögel - werden dabei quasi in der Luft erschlagen. Davor müssen sich Kerstin Fleer und Thorsten Thomas nicht fürchten. Attacken der Falken auf die beiden Vogelschützer gibt es nicht - nur Motzen und Meckern. Über 100 Jahre lang gab es keine Wanderfalken in NRW Das Ehepaar kümmert sich in NRW um die wenigen Tiere, die es gibt - geschätzte 225 Paare. Zwei davon sind es in Bielefeld, beide auf Stadtwerketürmen; eines auf dem Hauptgebäude, das andere auf der MVA. Dass überhaupt wieder Wanderfalken brüten, ist für Naturschützer noch immer etwas ganz Besonderes. Lag die letzte Brut in NRW im 19. Jahrhundert, gab es 1992 den Neustart - und in Bielefeld dann laut Thomas 2006 die erste nach einem Jahrhundert. Um die seltenen Vögel im Blick behalten zu können, werden sie beringt. Dafür klettern Fleer und Thomas oft bis über die 100-Meter-Marke hinaus hoch zu den Vögeln, freuen sich über den Nachwuchs und verpassen diesem die individuelle Markierung. In der mit etwas Kies gefüllten Brutbox liegen dieses Mal drei Kleine, es waren auch schon mehrfach zwei und einmal vier. Mit den aktuellen Jungtieren haben alleine auf der MVA 16 kleine Wanderfalken ins Leben gefunden. Da aber nur 30 Prozent überleben, dürften davon nur etwa drei bis fünf heute noch leben; zumal viele Tiere nur vier bis sieben Jahre alt werden; seltener 15 Jahre. Den Stadtwerken bescheren ihre hohen Türme somit auch Verantwortung, die sie gerne tragen. Azubis der MVA fertigten die 50 mal 60 mal 80 Zentimeter große Brutbox zusammen mit den Experten der "AG Wanderfalkenschutz" des NABU. Nur etwa fünf Prozent der Vögel brüten auf natürlichem Grund Dass Wanderfalken Türme fürs Brüten nutzen, ist längst typisch in Deutschland. Laut Thomas brüten nur etwa fünf Prozent der Vögel auf natürlichem Grund, meist Felsen und Felsvorsprüngen. Alle anderen sind auf Wassertürmen, Sendemasten und sehr hohen Kirchen und Türmen zu finden. Oft findet hier ein Verdrängungskampf statt - die kleineren Turmfalken, von denen es in Bielefeld geschätzt 30 bis 40 Paare gibt, ringen oft um dieselben Plätze. So auch bei der MVA - zwischenzeitlich brüteten hier zwischen den drei Türmen auch über einige Jahre Turmfalken. Die aber mussten nun weichen und haben sich unter das Dach des Abfallbunkers verkrümelt, wo sie ebenfalls erfolgreich brüten.

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