Hier leuchtet sie schön: Vor drei Jahren entstand das Foto, ein Leuchtturm aber ist die Kunsthalle schon länger nicht mehr. - © Sarah Jonek
Hier leuchtet sie schön: Vor drei Jahren entstand das Foto, ein Leuchtturm aber ist die Kunsthalle schon länger nicht mehr. | © Sarah Jonek

Bielefeld Bielefelder Kunsthallen-Chef Meschede muss gehen

Friedrich Meschede: Politische Mehrheit im Stadtrat will Vertrag mit umstrittenem Kunstexperten nicht verlängern. Förderkreis zeigt sich verärgert und setzt sich für die Weiterbeschäftigung des 62-Jährigen ein

Joachim Uthmann
Kurt Ehmke

Stefan Gerold

Bielefeld. Ins Jubiläumsjahr zum 50-jährigen Bestehen geht die Kunsthalle mit einem Chef, der weiß, dass er zum 1. Januar 2020 keinen neuen Vertrag bekommen wird. Eine breite politische Mehrheit im Stadtrat hat sich darauf geeinigt, den teils umstrittenen Friedrich Meschede (62) über 2019 hinaus nicht weiter zu beschäftigen. Allerdings rührt sich dagegen Widerstand. Der Förderkreis der Kunsthalle setzt sich dafür ein, den Vertrag doch zu verlängern. Meschede weiß seit Dienstag, dass er gehen soll. Gestern zeigte er sich betroffen und wollte sich nicht äußern. "Fragen Sie den Oberbürgermeister?", sagte er nur. OB Pit Clausen (SPD) ist in den Prozess mit einbezogen. Björn Klaus, Fraktionsgeschäftsführer der SPD, bestätigte die politische Einigkeit der großen Fraktionen SPD, CDU und Grünen über das Ende der Meschede-Ära. Der Rat müsse 18 Monate vor Vertragsende dem Betroffenen signalisieren, ob er wiedergewählt werde. Das wäre in der Juni-Sitzung. Klaus: "Und das Votum wird negativ ausfallen." Zeitpunkt mitten im Jubiläumsjahr ist vertraglich vorgegeben Entscheiden muss die gemeinnützige Betriebsgesellschaft der Kunsthalle, in der Stadt, die Kulturstiftung pro Bielefeld und die Sparkasse vertreten sind. Hier gelte die Drittel-Parität. Bei wichtigen Entscheidungen sei aber die Stimme der Stadt, vertreten durch Detlef Werner (CDU), maßgeblich. Die FDP würde gerne noch mehr Informationen haben, so Jan-Maik Schlifter. Denn: "Die Rahmenbedingungen waren nicht einfach, und weder Kulturdezernent noch Oberbürgermeister haben Meschede Rückendeckung gegeben, so bei der Erweiterungsdebatte." Meschede war zuletzt vermehrt in die Kritik geraten, weil die Besucherzahlen zurückgingen und das Minus der Kunsthalle höher war als geplant. So sank die Zahl der Gäste um über 10.000 auf 45.000. Das Defizit lag bei 335.000 Euro, ein weiterer Griff in die Rücklage war nötig. Clausen hatte eine Mietminderung von 200.000 Euro in Aussicht gestellt. "Der Zeitpunkt mitten im Jubiläumsjahr gefällt uns auch nicht", räumt Klaus ein. Doch die politische Mehrheit erhofft sich, nach der Demission Meschedes die Mietkostensenkung wie die dringend erforderliche Sanierung endlich auf den Weg zu bringen. Die hatte der Kunsthallenleiter selbst immer wieder gefordert. Klaus: "2020 oder 2021 wird die Sanierung angegangen, entweder mit Fördermitteln oder aus eigenen Haushaltsmitteln der Stadt." Zehn Millionen Euro stehen dafür im Raum. Verärgert reagiert Günter Küppers, Vorsitzender des Förderkreises Kunsthalle. Meschede sei ein "ausgezeichneter Direktor, der exzellente Arbeit geleistet hat". Man dürfe ihn nicht an Besucherzahlen messen: "Das hat die Echo-Verleihung ja gerade bewiesen." Die Qualität seiner Arbeit und der Ausstellungen seien hoch einzuschätzen. Meschede kenne "wahnsinnig viele Künstler" und sei ein ausgewiesener Kenner vor allem der zeitgenössischen Kunst. Küppers geht davon aus, "dass einige aufstehen werden, um die Entscheidung zu ändern". Er kritisiert zudem, dass "erneut Laien über diesen wichtigen Punkt entscheiden: "Eine Unsitte." Der Förderkreis plädiere für ein Fachgutachten. Außerdem möchte er mehr Einfluss nehmen können - er will Mitglied der Gesellschaftervertretung werden. Zwiespältig reagiert Martin Knabenreich, Chef von Bielefeld Marketing. Er hebt die Kunsthalle als Leuchtturm für die Stadt hervor. Bei der Bewertung Meschedes sieht er sich "zwischen Baum und Borke". Einerseits habe Meschede ein finanziell schlecht ausgestattetes Haus übernommen, wenig Mittel zur Verfügung und keinen Anbau bekommen. Der sei seit dem Marta-Bau in Herford notwendig, aber in "unübersehbare Ferne" gerückt. Trotzdem sei die Qualität der Ausstellungen gut gewesen. »Es dauerte sehr lange, die Ausstellung zu verstehen« Andererseits fehle Meschede das Gespür für Menschen und deren Wahrnehmung. "Bei der Ausstellung von Sophie Taeuber-Arp dachte ich erst, ich wäre bei Ikea gelandet", so Knabenreich, der kein Kulturbanause ist; er saß im Vorstand des Kunsthallen-Förderkreises. "Es dauerte sehr lange, bis ich verstanden habe, dass quasi das ganze Ikea-Design auf Sophie Taeuber-Arp zurückzuführen ist - das aber wurde nur sehr schwer vermittelt." Am Ende sei er beeindruckt gewesen. Er findet die Entscheidung im Jubiläumsjahr "bitter", hofft aber aus touristischer Sicht künftig darauf, ein funktionierendes Kunst-Dreieck zwischen Kunsthalle, Waldhof und Stenner-Museum etablieren zu können - mit Akteuren, die daran interessiert sind. Ein Mann, der in hoher Position auch für Kultur in Bielefeld verantwortlich ist, bringt es so auf den Punkt: "Friedrich Meschede ist kein Menschenfreund - und ihm fehlt das notwendige Populismus-Gen." Typisch Meschede war, dass er auf regionale Stimmen pfiff, nur Urteile à la Züricher Zeitung zählten. Ein Politiker schildert ähnliches im Umgang mit Politik und Aufsichtsrat - und das haben diese sich nicht mehr bieten lassen.

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