Trauriger Abschied: Hans-Joachim Kühn und Günter Mirus (v. l.) sitzen auf einer der Bahnen im Kegelcenter an der Elpke. Hier müssen sie nun ausziehen. - © Kurt Ehmke
Trauriger Abschied: Hans-Joachim Kühn und Günter Mirus (v. l.) sitzen auf einer der Bahnen im Kegelcenter an der Elpke. Hier müssen sie nun ausziehen. | © Kurt Ehmke

Bielefeld Abriss: 35 Kegler-Clubs verlieren ihre Heimat

Der VBK ist der erfolgreichste Verein Bielefelds

Kurt Ehmke

Bielefeld. Abriss Anfang Juli. Dieser eher nüchterne Satz schmerzt den Verein Bielefelder Kegler von 1925 (VBK). Er, der die größte Kegelanlage im Umkreis von gut 300 Kilometern betreibt (größer ist nur Wolfsburg), lässt den Vertrag mit der EK für das "Kegelcenter Elpke" zu Ende Juni auslaufen. Zunächst 8 der 16 Bahnen werden dann zerstört - und mit ihnen ein Ort für Erinnerungen: an großes Vereinsleben, an dramatische Kegelwettbewerbe, an bedeutende sportliche Erfolge - sogar Weltcups wurden gewonnen. Der Abriss ist Sinnbild eines Niedergangs. Seit 1973 wird an der Elpke gekegelt, bis zu 450 Sportkegler gab es, etliche Tausend Freizeitkegler kamen hinzu. Jetzt sind es noch 50 Sportkegler und vielleicht gut 1.000 Hobbykegler. Der VBK ist Dachverein für vier Vereine, früher waren es mal mehr als 20. Gut 30 Freizeitklubs kegeln noch an der Elpke, hinzu kommen vier Betriebssportklubs. Sie alle will Vorstand Günter Mirus mitnehmen in eine neue Keglerheimat. Schleichender Niedergang des Hobbys Sie soll zwei Doppelbahnen umfassen - und dürfte im seit 16 Monaten geschlossenen Chinarestaurant Lotus an der Potsdamer Straße liegen. Pächter will Sigi Kartal werden, er verhandelt mit der LEG. Der Verein würde sich dann einmieten. Mirus spricht aber von einer Hängepartie. Zuvor war lange mit dem Brenner-Hotel verhandelt worden, vergeblich. Rückbauten müssten hier erfolgen, um wettbewerbsfähige Bahnen zu haben. "Trotz guter Gespräche sind wir leider nicht zusammengekommen", sagt VBK-Geschäftsführer Hans-Joachim Kühn. Den beiden Sportkeglern ist anzumerken, dass ihnen der schleichende Verfall ihres geliebten Hobbys an die Nieren geht. Wenn Mirus und Kühn von rauschenden Keglerbällen im Haus der Handwerks erzählen, von Jubiläumsfeiern in der Stadthalle (75 Jahre), von Teams in hohen Ligen, dann fällt bei Mirus auch dieser Satz: "Ach, damals, da war die Welt noch in Ordnung." Die Jugend geht lieber zum Bowling Heute ist sie das für Kegler nicht mehr. Von den 50 Sportkeglern in Bielefeld sind keine zehn Prozent unter 30 Jahre alt. Kühn (70) und Mirus (78) sind Klassiker. Der Blick auf Bowlingbahnen enttäuscht sie - "da geht alles, auch finanziell", sagt Kühn. Wenn Jüngere einen Ball in die Hand nehmen, dann den beim Bowling. Das Wurfgerät des Keglers, die Kugel, rühren sie kaum an. Bowling ist angesagter: Disko-Atmosphäre statt Vereinsleben und Mannschaftsgeist - so sehen Kühn und Mirus die Lage. "Wir mussten sogar an Pokalen sparen" Dass sie einmal ihr Kegelcenter begraben würden müssen, das war ihnen klar; schon rein kostenmäßig. Mirus: "Wir mussten zuletzt an vielem sparen, sogar an Pokalen und Siegerehrungen." Nun aber geht es sehr schnell. Die im Gebäude ansässige "WSG Wirtschafts- und Steuerberatung", Partner der EK, will sich ausweiten - da kommen die Kegelbahnen gerade recht. "Wir hatten zwar Vertrag bis 2020, haben uns aber mit der EK auf Ende Juni geeinigt", so Mirus. Zu lange habe man gut zusammengearbeitet und sei die EK den Keglern oft entgegengekommen, als dass man sich nun den Wünschen der EK entgegenstemmen wollte. Doch die Suche nach dem neuen Zuhause dauerte - "wir haben fast ein Dreivierteljahr gesucht", sagt Kühn. Zwar gibt es noch ein paar Kneipen-Kegelbahnen, aber Sportkegler haben höhere Ansprüche. Mehr Deutsche Meister als jeder andere Verein in Bielefeld Eine Anlage wie die an der Elpke mit den drei Bahnen-Typen Classic, Bohle und Schere wird es vermutlich nie wieder geben in Bielefeld. Nur ein kleiner Trost für die Kegler ist, dass sie einige Dinge mitnehmen können: Kegel, Kugeln und die Hebetechnik. Und die vielen Pokale? Kühn wird wehmütig, sagt: "Ich weiß es auch nicht, aber die können wir unmöglich alle mitnehmen." Nur noch einige Wochen lang glänzen sie also vor sich hin in der Vitrine, verweisen stumm auf eine Kultur, auf großen Sport. Mirus sagt: "Es gibt keinen Verein in Bielefeld, der so viele Deutsche Meisterschaften errungen hat wie unserer." Und weil das so ist, sagt er auch, fast trotzig: "Wir werden 2025 unser 100-Jähriges feiern." Stolz, fröhlich, aber auch etwas wehmütig.

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