Straßenverkehr: Ein Bielefelder Busfahrer berichtet von Handgreiflichkeiten und Bedrohungen. - © Wolfgang Rudolf
Straßenverkehr: Ein Bielefelder Busfahrer berichtet von Handgreiflichkeiten und Bedrohungen. | © Wolfgang Rudolf

Bielefeld Bielefelder Busfahrer berichtet: "Ich werde fast täglich beschimpft"

Straßenverkehr: Ein Stadtbahnfahrer wurde am Wochenende in Bielefeld von einem Fahrgast angegriffen und verletzt. Busfahrer Thomas F. hat ähnliche Vorfälle erlebt. Er berichtet von Handgreiflichkeiten und regelmäßigen Bedrohungen

Ingo Kalischek

Bielefeld. Als Thomas F. (Name geändert) vor vier Jahren Busfahrer wurde, freute er sich auf einen Beruf mit viel Verantwortung, großen Fahrzeugen und leuchtenden Kinderaugen. Heute bereut er seine Entscheidung. Thomas F. bemängelt fehlenden Respekt vieler Fahrgäste: Beschimpft und beleidigt werde er nahezu täglich, bedroht wöchentlich und sogar angegriffen wurde er schon. "Oft fühlt es sich an, als seien wir für die Fahrgäste keine Menschen mehr, sondern stumpfe Objekte." Einen Vorfall in den Herbstferien wird der 22-Jährige nicht vergessen: Ein Paar setzte sich in den Abendstunden in den Bus - und begann zu randalieren. "Es waren knapp 50 Menschen im Bus, darunter Kinder. " Nach einigen Minuten hielt Thomas F. an, ging nach hinten, um das Paar zu beruhigen, wie er berichtet. Der Mann und die Frau waren gerade dabei, sich Kokain auf einem kleinen Spiegel zuzubereiten, erinnert sich der Busfahrer. Als er die beiden aufforderte, den Bus zu verlassen, kam es zu einem Wortgefecht - und schließlich ging die Frau auf ihn los, schlug ihm dabei ins Gesicht. Thomas F. rief die Polizei. Was ihn ärgerte: Ein Großteil der Fahrgäste wollte "nichts gesehen" haben; niemand reagierte und kam ihm zu Hilfe. Viele verließen den Bus, darunter das aggressive Paar. Thomas F. stellte Anzeige gegen Unbekannt, nur ein Fahrgast blieb bis zum Schluss, sagte vor der Polizei aus. Sein Chef bot ihm daraufhin psychologische Betreuung an. Thomas F. lehnte ab. Ein Mann drohte ihm: "Sei ruhig. Sonst steche ich dich ab." Verbal angegriffen werde er mittlerweile nahezu täglich: "Halt deine Schnauze, sonst kriegst du eine", habe ein alkoholisierter Mann kürzlich zu ihm gesagt. Ein anderer habe ihm gedroht: "Sei ruhig. Sonst steche ich dich ab." Und eine ältere Dame fragte ihn, ob er "zu dämlich", sei, seinen Job zu machen. "Sie hatte es eilig und wollte ihren Zug bekommen." Als vor einigen Wochen ein Auto mit "gefühlt 80 km/h" am Bus vorbeiraste, obwohl dieser gerade an der Haltestelle hielt und links blinkte, trat Thomas F. mit ganzer Wucht in die Bremse. "Eine Frau fragte mich dann wutentbrannt, warum ich den Wagen nicht schon viel eher gesehen hätte." Der Busfahrer glaubt: "Wir können es kaum noch jemandem recht machen." Sei er pünktlich, verpassten Leute deshalb den Bus. Sei er zu spät, verpassten sie dadurch den Anschlussbus. Und fahre er wegen einer Verspätung schneller, kritisierten Fahrgäste, dass ihnen dadurch übel werde. Ein Einzelfall sei er keineswegs, beteuert Thomas F.. Viele seiner Kollegen machten ähnliche Erfahrungen. Davon berichteten sie ab und an in ihren Pausen bei einem Becher Kaffee. Aber: "Wir fressen viel in uns rein - und reden über solche unangenehmen Situationen sonst nicht so oft", so Thomas F. Auch seinem Chef berichte er davon nur selten. "Er kann an der Situation ja auch nichts ändern." Die finstere Miene einiger seiner Kollegen hinterm Lenkrad könne er bedingt nachvollziehen. "Einer von zehn Fahrgästen grüßt mich beim Reingehen. Für den Rest bin ich Luft." Und wenn ein Busfahrer Fahrgäste draußen stehen lässt? "Wenn ich bereits vier Minuten zu spät bin, kann ich das nachvollziehen. Wenn ich aber sehe, dass Leute zum Bus rennen, warte ich auf sie." Kinder würde er ohnehin niemals draußen stehen lassen. Und das, obwohl Verspätungen letztlich von seiner Pause abgezogen würden. Eigentlich solle er versuchen, nach jeder Stunde zehn Minuten zu pausieren. Das sei wegen Verzögerungen im Verkehr aber selten möglich. Deshalb muss er wenigstens nach vier Stunden für 30 Minuten Halt machen. Manchmal fahre er morgens fünf und abends fünf Stunden - ein langer Tag. Seine Augen strahlen immerhin einmal kurz, als Thomas F. über Grundschüler spricht: Die fährt er am liebsten. Einige würden sich schon von weitem freuen, wenn er in seinem großen Bus vorfährt. Diese Begeisterung bewog auch ihn damals dazu, Busfahrer zu werden. Viel ist davon heute nicht mehr übrig.

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