Szene: Die Stadt versucht die Situation am Stadtbahnzugang "Tüte" durch mehr soziale Angebote in der Stadt zu entzerren. Vor allem im Drogenhilfezentrum an der Borsigstraße herrscht eine große Nachfrage. - © Andreas Frücht
Szene: Die Stadt versucht die Situation am Stadtbahnzugang "Tüte" durch mehr soziale Angebote in der Stadt zu entzerren. Vor allem im Drogenhilfezentrum an der Borsigstraße herrscht eine große Nachfrage. | © Andreas Frücht

Bielefeld Selbst Junkies fühlen sich an Bielefelder Tüte nicht mehr sicher

Andrea S. beschaffte sich regelmäßig Drogen am Stadtbahneingang. Heute setzt sie auf die Angebote im Drogenhilfezentrum - und findet zurück ins Leben. Weitere Abhängige würden es ihr gleichtun

Ingo Kalischek

Bielefeld. In der Bielefelder Drogenszene herrscht Bewegung: Weg vom heimlichen Konsum im Gebüsch - hin zum Konsumieren unter Aufsicht. Das berichten Betroffene. Immer mehr Abhängige gehen im Drogenhilfezentrum (DHZ) an der Borsigstraße ein und aus. Knapp 200 Menschen halten sich dort täglich auf. Jahrelang stand Andrea S. am Stadtbahnzugang "Tüte" und beschaffte sich dort Heroin. Heute traue sie sich nicht mehr dorthin, auch mittags nicht. "Ich habe wirklich Angst da oben. Die Leute sind aggressiv und tragen Waffen." »Viele Menschen kenne ich. Sie standen früher an der Tüte« Andrea S. nutze stattdessen die Angebote im DHZ. Dort fühle sie sich wohl und sicher. Sie bekomme Essen, könne Wäsche waschen, reden - und unter Aufsicht Drogen nehmen. Einige Gesichter kenne sie seit Jahren. "Viele standen früher an der 'Tüte'", sagt die 40-Jährige. Allein 20 hätten in den vergangenen Monaten den Absprung von der "Tüte" hin zur Drogenberatung geschafft. "Das Angebot spricht sich auf der Straße rum." Die Akzeptanz für das Konsumieren unter Aufsicht steige. Zahlen bestätigen das: 2014 nutzten 296 Menschen den Drogenkonsumraum; drei Jahre später schon 383. In die Räume dürfen sie ihre illegal beschafften Drogen wie Kokain und Heroin mitbringen, um sie dort unter Aufsicht zu konsumieren. Komme es dabei zu körperlichen Problemen - wie Krämpfen - seien Sozialarbeiter und Ärzte sofort zur Stelle. Auf der Straße sind Abhängige in solchen Situationen auf sich allein gestellt. Ärtze im DHZ dürfen Methadon verabreichen Auch die Anzahl der Konsumvorgänge im DHZ hat sich in den vergangenen drei Jahren laut Geschäftsführer Michael Wiese verdreifacht - auf 30.000. Ein Grund: Mittlerweile dürfen auch substituierte Personen wie Andrea S. das Angebot nutzen. Sie wird seit zehn Jahren mit Methadon behandelt. Ein Medikament, das das Verlangen nach Heroin stillt. Im DHZ verabreicht ihr ein Arzt die entsprechende Dosis. So schafft es Andrea S., auf Heroin weitestgehend zu verzichten - seit vier Monaten komplett. "Ich habe keine Entzugserscheinungen mehr und fühle mich gut." Rückschläge blieben dennoch nicht aus. Auch dann dürfte sie im DHZ unter Aufsicht wieder Heroin konsumieren. Diese Möglichkeit hatten die rund 850 Substituierte in Bielefeld lange Zeit nicht. Erst 2016 gab eine Gesetzesänderung grünes Licht. Sicherheitskräfte kontrollieren das Geschehen im DHZ. Körperliche Auseinandersetzungen seien aber selten. Angespannt seien einige Konsumenten nur dann, wenn sie bereits seit mehreren Stunden auf Entzug sind - und dringend neuen Stoff brauchen. "Das ist meist nach acht Stunden der Fall", sagt Andrea S. 16 Plätze stehen ihnen aktuell im DHZ zur Verfügung, um zum Beispiel Heroin zu spritzen und zu rauchen. Wegen der großen Nachfrage will die Stadt zusätzliche Plätze anbieten. Außerdem öffnet das DHZ künftig abends länger sowie samstags. "Dann müssen die Leute abends nicht wieder zur "Tüte" abwandern", sagt Andrea S. Ins DHZ kommen häufig die Menschen, die aus eigener Kraft ihren Alltag nicht mehr regeln können. Insgesamt gibt es in der Stadt schätzungsweise 2.500 Konsumenten illegaler Drogen. Hierzu zählen auch Menschen, die gelegentlich zu Drogen greifen - zum Beispiel auf Partys. Über das Angebot im DHZ sagt Andrea S.: "Ich kann die Menschen an der "Tüte" nicht verstehen, dass sie dieses Angebot nicht nutzen. Mir hat es sehr geholfen."

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