Ritter unter sich: Die Würdenträger Ei-Ei-Ei-der-sich-Entwickelnde und Macht-ja-nichts (v. r.) beurteilen einen Vortrag von Ritter Ach-soo (l.). In ihrem eigenen Haus an der Hermannstraße pflegen die Ravensbergia-Schlaraffen Bräuche vergangener Zeiten - dazu gehört auch die mittelalterliche Sprache. - © Oliver Krato
Ritter unter sich: Die Würdenträger Ei-Ei-Ei-der-sich-Entwickelnde und Macht-ja-nichts (v. r.) beurteilen einen Vortrag von Ritter Ach-soo (l.). In ihrem eigenen Haus an der Hermannstraße pflegen die Ravensbergia-Schlaraffen Bräuche vergangener Zeiten - dazu gehört auch die mittelalterliche Sprache. | © Oliver Krato

Bielefeld Schlaraffen flüchten vor dem Alltag

Reportage: In ritterlichem Ambiente pflegen Akademiker, Kaufmänner und Selbstständige ihre Tugenden Kunst, Freundschaft und Humor. Wichtigstes Symbol ist der Uhu

Jan Ahlers

Bielefeld. Ein überdimensionaler Uhu ziert die Fassaden des Hinterhofs der Hermannstraße 32. Eine Tür und eine Treppe weiter öffnet sich eine versteckte, faszinierende, vielleicht sogar magische Welt. Zahlreiche eingerahmte Abzeichen glänzen neben Äxten und Beilen an den Wänden. Ein ausgestopftes Federtier wacht in der einen Ecke über dem Piano, ein hölzerner Uhu erstreckt sich mit voller Spannweite über der Kanzel der Oberschlaraffen. Schon stapft der Zeremonienmeister im farbenprächtigen, mit aufgestickten Schlaraffen-Wappen übersäten Gewand auf mich zu: "Seid willkommen zur 3.514. Sippung des Reyches Ravensbergia in der Leineweberburg." "Wenn ihr alles versteht, was in diesem Raum vor sich gehen wird, seid ihr ein Wundertier", hat mir Ritter Phil-Phras vorher mit auf den Weg gegeben. In der "profanen" Welt, von der die Schlaraffen bei ihren wöchentlichen Treffen bewusst Abstand nehmen, heiße er Dieter Liedtke. Er war Pflegedirektor an den Städtischen Kliniken, ist nun im Ruhestand. Bei den Schlaraffen treffen sich Akademiker, Selbstständige, Kaufmänner und weitere Gelehrte. Sie pflegen mit verschiedenen Vorträgen ihre drei wichtigen Tugenden Kunst, Freundschaft und Humor. Tabu sind weltliche Themen wie Religion oder Politik - und die Anwesenheit von Frauen. "Aber auch da haben wir schon Ausnahmen gemacht", sagt Phil-Phras. Alle Schlaraffen müssen sich vor dem Uhu verbeugen Punkt 20 Uhr: Die Sippung - in der Profanei das Zusammentreffen - beginnt. Alle Schlaraffen haben sich in rot-weiße Gewänder gehüllt ("Gewams heißt das bei uns!"), mit Holzschwertern und Kappe ausgestattet und bilden ein Spalier. "Nun kommen die Würdenträger", flüstert mir Ritter Bollwerk, ein ehemaliger Seefahrer, zu. Oberschlaraffe Macht-ja-nichts-der-Vielschichtige nimmt unter lauten "Lulu!"-Beifallsrufen seinen Platz unter dem Holz-Uhu ein, Fürst Ei-Ei-Ei-der-sich-Entwickelnde und Ach-soo-der-Klappenbändiger folgen ihm. "Begrüßung, Begeisterung und Zustimmung werden bei uns nur mit dem Lulu-Ruf ausgedrückt", sagt Phil-Phras. Alle anderen Äußerungen seien verpönt. Zunächst sind wir Gast bei den Schlaraffen. Dann könne man zum Knappen, zum Junker und schließlich mit der feierlich vollzogenen Ritterprüfung zum Ritter aufsteigen. Dort erhalten die Mitglieder ihren ganz persönlichen Titel: Ritter Mahatma-dies-ma-das ist Unfallchirurg, Ritter Rotz-der-Trockene HNO-Arzt, Ritter "Betonngg" war Bauunternehmer. Und Ritter Knorpelschwund? "Der hatte einen Arzt als Freund, der ihn kurz vor seiner Rittersprüfung operiert hat", sagt uns Phil-Phras im Vorfeld grinsend. Ritter Vimario-der-Be-Flügel-te hat am Piano Platz genommen. Das Sippungslied ertönt. Zur Zeile "Dem Uhu gilt der erste Gruß" erhebt sich jeder vom Stuhl, verbeugt sich in Richtung des ausgestopften Tiers. "Bei allen Schlaraffensippungen wird dieses Lied gesungen", flüstert Phil-Phras und verneigt sich ebenfalls. Eine blaue Kerze wird entzündet. Sie brenne den ganzen Abend lang und erinnere an ehemalige Schlaraffen, die kürzlich nach Ahalla, ins Jenseits geritten sind, verkündet Würdenträger Macht-ja-nichts. Kurzzeitig tritt eine besinnliche Stille ein. "Lulu! Lulu! Lulu!", tönt es aus etwa dreißig Kehlen der erhobenen Gemeinschaft. Das Protokoll der vergangenen Sippung wird verlesen. Es gibt Wortmeldungen, kurze Reden. Wer die Würdenträger überzeugt, erhält je nach vollkommen subjektiver Beurteilung Dankeskärtchen in acht Ausführungen. Dann darf der Vortragende "laben" (trinken) und erhält den "Handschlag der fungierenden Herrlichkeit" von Ritter Macht-ja-nichts. Nun pausieren die Schlaraffen für wenige Minuten, können atzen (essen) und sich in eine Anwesenheitsliste voller akkurater Zeichnungen eintragen, das unter Schlaraffen als Schmierbuch bekannt ist. "Es wird hier seit 1948 geführt", sagt Ritter Phil-Phras und bietet mir an, zu unterschreiben. "Was wir machen, ist schwer zu erklären", sagt Ritter Betonngg alias Manfred Klemp-nauer, mittlerweile Privatier. Phil-Phras ergänzt: "Wir wollen nicht elitär sein. Aber das Schlaraffentum ist gewiss nicht für jeden etwas." Minuten darauf wird intensiv über die Bedeutung der heiligen Frikadelle diskutiert, die regelmäßig in der eigenen "Burgschänke" serviert wird. Denn nach nicht einmal einer Stunde ist der Vorrat an Fleischbällchen erschöpft. Für den Hofnarren ist es die letzte Sippung in Ravensbergia Im zweiten Teil des Abends tragen schließlich ausgewählte Schlaraffen ihre "Fechsungen" vor. Das können Audiobeiträge sein, selbstverfasste Geschichten, Gedichte oder Musikstücke. Ritter In-sich-der-Mittelbare kündigt angesichts meines Besuches eine Melodie auf dem Dudelsack an, die "schottische Burgherren spielen ließen, als sie Redakteure zur Pressekonferenz auf die Burg einluden". Die Musik ist grausam, der Ritter in Atemnot und sichtlich überfordert. Die Menge amüsiert sich köstlich. Das Ende des Abends naht. Für Hofnarr Lang-the-Loth, in der Profanei Lothar Rendel, knapp zwei Meter groß, ist es die vielleicht letzte Bielefelder Sippung - er zieht ins Rheinland und damit in ein neues Schlaraffen-Reych. Ein emotionales Abschieds-"Lulu!" folgt. Nochmals erhebt sich Ravensbergia für das Wort zum Donnerstag: "Eine gute wissenschaftliche Theorie sollte einer Bardame erklärbar sein." Die Masse stimmt zu, das Sippungs-Schlusslied wird angestimmt. Alle fassen sich an den Händen, leisten einen Schwur. Und singen feierlich: "Drum bis zum letzten Atemzug, lasst uns Schlaraffen bleiben."

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