Hoch über den Köpfen der Menschen an der August-Bebel-Straße baumeln vier Schuhpaare. Ist das Kunst? - © Jens Reichenbach
Hoch über den Köpfen der Menschen an der August-Bebel-Straße baumeln vier Schuhpaare. Ist das Kunst? | © Jens Reichenbach

Bielefeld Bielefeld skurril: Hier hat jemand seine Schuhe verloren - oder seine Unschuld?

An der August-Bebel-Straße hängen auf der Stromleitung vier zusammengebundene Schuhe. Künstler-Aktion oder jugendlicher Leichtsinn - der Trend nennt sich "Shoefiti"

Jens Reichenbach

Bielefeld. Normalerweise ist der Verlauf der Strom führenden Oberleitung, die mitten über die August-Bebel-Straße führt, für den Betrachter unspektakulär. Weit über den Köpfen löst eine Leuchte die nächste ab, dazwischen verläuft das Kabel. Doch auf Höhe der Luisenstraße bleibt das Auge plötzlich hängen: Was ist das? Dort oben baumeln vier Paar Schuhe in der Luft. Was wie die eskalierten Auswüchse einer betrunkenen Nacht anmutet, ist tatsächlich ein Trend der Straßenkunst, der sich seit den 1990er Jahren vom nordamerikanischen Kontinent aus bis nach Europa verbreitet hat. Baumelnde Schuhe werden im angloamerikanischen Raum als "Shoefiti" - eine Zusammensetzung der englischen Worte für Schuh und Graffiti - bezeichnet. Doch woher kommt der eigenartige Brauch? Laut dem Internetlexikon Wikipedia sind die Erklärungsansätze sehr vielfältig. Demnach sollen schottische Männer ihre Schuhe aufgehängt haben, sobald sie nicht mehr jungfräulich waren. In der New Yorker Bronx sollen die aufgehängten Schuhe Drogengangs zur Markierung ihres Wirkungsbereichs gedient haben. Eine Schuh-Pappel in Nevada erzählt die Geschichte einer geretteten Liebe Eine Shoefiti-Legende aus Nevada besagt, dass ein zerstrittenes Liebespaar Anfang der 1990er Jahre wieder zueinandergefunden hat, weil er im Streit ihre Schuhe in eine Pappel am Highway 50 geworfen hatte. Weil das Paar es nicht schaffte, sie wieder herunterzuholen, redeten sie - und vertrugen sich. Viele Reisende sollen diesem Beispiel gefolgt sein. Inzwischen steht dort der bekannteste Schuhbaum Amerikas. Im beschaulichen Bielefeld ist wohl weder mit besonders stolzen Jungmännern noch mit Straßengangs zu rechnen, die ausgerechnet die August-Bebel-Straße als Grenze ihrer Dealerzugehörigkeit markiert haben. Vielmehr ist Shoefiti eine Form der Straßenkunst. Gerade die Luisenstraße gilt Kennern schon lange als eine der Streetart-Hochburgen in Bielefeld. Längst diskutieren User in bestimmten Internetforen über neue Sichtungen und tauschen Videos von besonders hohen und akrobatischen Platzierungen aus. Spannende Frage: Wie sind die Schuhe so weit nach oben gekommen? Der Blogger Urbanfreak schreibt dazu: "Denn obwohl die Schuhe nicht versteckt im öffentlichen Raum hängen, hängen sie doch so weit oben, dass sie für die Meisten versteckt bleiben. Wer sich aber aufmerksam im Stadtraum bewegt, dem wird die Kunst die Augen öffnen, die Wahrnehmung für das Umfeld steigern." Der Blogger für urbane Trends stellt zudem fest, dass die Bedeutung der Schuhe nur ortsbezogen gilt und nur den Eingeweihten bekannt ist. Für den Betrachter ist die spannendste Frage: Wie haben die Verantwortlichen ihre Sneakers so weit in die Höhe bekommen? Haben sie es tausendmal probiert? Und wenn nein, welche Wurftechnik ist vielversprechend? Weiß Gott sind hängende Schuhe auch in Bielefeld nichts Neues mehr. An der Deckertstraße im Bethel hingen bereits seit 2012 zusammengebundene Schuhe in einem Baum. Der Baum wurde vergangenes Jahr mit mehreren Hundert Schuhen gefällt. Wie die WAZ 2012 erfahren hatte, sollte relativ schnell auf den Shoefiti-Hype der "Brafiti"-Trend folgen. Doch von Bäumen und Oberleitungen voller BHs ist in Bielefeld bisher nichts bekannt. Wer schöne "Shoefitis" in Bielefeld kennt, darf uns Fotos mit einer kleinen Beschreibung schicken an bielefeld@nw.de.

realisiert durch evolver group