Rote Lippen, viele Fachbücher: Beides mag Ulrike Mund, hier im Konferenzraum des Vereins "Eigensinn". - © Sarah Jonek
Rote Lippen, viele Fachbücher: Beides mag Ulrike Mund, hier im Konferenzraum des Vereins "Eigensinn". | © Sarah Jonek

Bielefeld Kandidatin für den Bielefelder Frauenpreis (4): Ulrike Mund

Die 55-Jährige macht sich seit 26 Jahren für die Vorbeugung von sexualisierter Gewalt an Kindern stark

Ivonne Michel

Bielefeld. "Jedes Menschenkind hat das Recht, gewaltfrei aufzuwachsen", sagt Ulrike Mund. Das sei ihre tiefe Überzeugung, für die sie sich seit 26 Jahren einsetzt. Als Geschäftsführerin des Vereins "Eigensinn" sorgt sie dafür, dass das Thema sexualisierte Gewalt an Kindern kein Tabu mehr ist, Missbrauch verhindert oder zumindest ganz frühzeitig beendet wird. Mit ihren Mitstreiterinnen erreicht sie pro Jahr allein in Bielefeld 1.200 Erwachsene und 2.200 Mädchen und Jungen. Mädchen und Jungen stärken und Widerstand leisten 1992 kam die Erziehungswissenschaftler als Ehrenamtliche zum Verein, der kurz zuvor von zehn Frauen gegründet wurde. "Sexualisierte Gewalt an Kindern war damals noch ein großes Tabuthema und sorgte für aufgeregte Diskussionen auf Elternabenden", erinnert sich die 55-Jährige. "Es war damals neu, Mädchen und Jungen zu stärken und Widerstand zu leisten." Aber genau das war es, was sie auch mit an der Aufgabe reizte und motivierte. "Mich interessiert alles, was fremd ist, wovor andere vielleicht Angst haben", sagt die Diplompädagogin. Durchsetzungsstark, beharrlich und immer bestens informiert, so beschreiben ihre Mitarbeiterinnen ihre Chefin. Mit diesen Eigenschaften entwickelte sie das pädagogische Engagement des Vereins stets weiter und differenzierte es aus. Mit ihrem Team stellte sie spezielle Programme für Kinder und Jugendliche mit Behinderungen, für Geflüchtete und zu Gefahren im Internet auf die Beine. Dass in Bielefeld fast jedes Schulkind seit 1997 durch Eigensinn das Theaterprojekt "Mein Körper gehört mir" kennengelernt hat, ist in der Form einmalig in Deutschland. Dafür geht Mund auch ungewöhnliche Wege - und direkt auf möglichst viele unterschiedliche Gruppen zu. "Wir haben zum Beispiel Moscheenvertreter angesprochen und haben dann Kurse für Mütter zum Thema sexueller Missbrauch in türkisch-deutscher Sprache angeboten", berichtet sie. Für das außergewöhnlichen Engagement und die nachahmenswerten Kooperation mit Migrantenorganisationen, Kindertageseinrichtungen und Frauengruppen erhielt Eigensinn 2010 den Bielefelder Integrationspreis. Sich mit Menschen aus anderen Kulturen austauschen zu können, empfindet sie als sehr bereichernd. Dafür holt sie gern die Welt nach Bielefeld, oder reist selbst zu Veranstaltungen, wie im Dezember zu einem Kongress in Jerusalem. Dass Eigensinn für das Theaterprojekt "Mein Körper gehört mir" oder das medienpädagogische Projekt "Durchblick im Netz" deutschlandweit Beachtung und Auszeichnungen, wie kürzlich den Dieter Baacke-Preis bekommt, sei eine schöne Bestätigung. "Ich entscheide viel nach Gefühl, achte auf meine Intuition", ergänzt Mund. Das sei in ihren Augen eine wesentliche menschliche Eigenschaft. Und passe sehr gut zum Vereinsnamen. "Ja, ich bin durchaus eigensinnig", sagt sie, "und ich verstehe mich als Feministin." Pina Bausch (1940 bis 2009) und Simone de Beauvoir (1908 bis 1986) sind ihre Vorbilder. Ihre existenzialistische Geisteshaltung (alle Dinge kommen vor ihren Erklärungen) bewundere sie. Über ihrem Schreibtisch hängt eine besondere Postkartengalerie. "Meine Inspirationsquelle", sagt Mund zu den gesammelten Werken: Porträts unterschiedlicher Personen, mit ganz besonderem Blick. "Das sind keine Augenringe, sondern Schatten großer Taten", steht auf einem Bild. Dinge bewegen, das möchte Mund. Den Blick von Erwachsenen für ihr Thema öffnen, "Herz und Hirn", wie sie sagt. "Kinder dürfen sich nicht alleingelassen fühlen." Auch zukünftig will Ulrike Mund weiterhin gesellschaftlich relevante Themen in ihre Arbeit einfließen lassen. Sie wünscht sich, dass die Eigensinn-Projekte weiter wertgeschätzt werden, auch durch finanzielle Ressourcen. Glück finde die Kinderschutzfachkraft oft in den kleinen Dingen im Alltag. "Zum Beispiel, wenn ich einen kleinen Vogel sehe, der morgens auf meiner Terrasse sitzt", sagt sie. "Was mich hingegen richtig ärgert, ist, wenn sich jemand rassistisch äußert", ergänzt Mund, "und diskriminierendes Verhalten gegenüber Frauen."

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