Verteidigt die "kritisch-theologische Methode" des Theologiestudiums: Hans Kroeger, Presbyter der evangelischen Bonhoeffer-Gemeinde, in der Matthäuskirche am Brodhagen. - © Wolfgang Rudolf
Verteidigt die "kritisch-theologische Methode" des Theologiestudiums: Hans Kroeger, Presbyter der evangelischen Bonhoeffer-Gemeinde, in der Matthäuskirche am Brodhagen. | © Wolfgang Rudolf

Bielefeld Diskussion: Warum den Bielefelder Kirchen die Mitglieder davon laufen

Nach dem Bericht über den Zulauf zu Freikirchen und zu sich leerenden evangelischen Kirchen äußern sich zwei engagierte protestantische Christen

Ansgar Mönter

Bielefeld. Hans Kroeger kennt den Anblick von leeren Bankreihen in der Kirche. "Es stimmt", sagt der Presbyter der evangelischen Bonhoeffer-Gemeinde, "vor allem die 20- bis 50-Jährigen sehen Kirche nicht unbedingt als Teil ihres Lebens. Auch viele Jugendliche gehen nicht gerne in den Gottesdienst". Die NW Bielefeld schrieb darüber (Ausgabe vom 7. Februar) und berichtete zugleich von vollen Freikirchen an Sonntagen. Kroeger sieht die Hauptursache für die abnehmende Bindungskraft der Kirche besonders in der gesellschaftliche Tendenz, "die ausgerichtet ist auf die Steigerung der eigenen Lebensqualität", wie er sagt. Betroffen von dieser Individualisierung des Lebens seien ebenso andere Institutionen wie Gewerkschaften und Parteien. Kirche habe dennoch eine Chance, zu bestehen, "wenn sie nicht starr sei, sondern "unterwegs". Kinder und Jugendliche etwa würden erreicht durch gute Freizeitangebote. Der Pädagoge - Kroeger war Leiter des Oberstufenkollegs - erlebt seine Gemeinde als lebendigen Stadtteilort für Kinder und Jugendliche und als Gelegenheit für Menschen, die selbst etwas verbessern wollen: "Wir haben eine basisdemokratische Verfassung, jede Gemeinde ist weitgehend selbstständig." Attraktiv werde die Arbeit durch die Wertebasis des Christentums, die für Kroeger radikal klar sind: "Gerechtigkeit, Frieden, Freiheit", wie er sagt. Diese Kernbotschaften sollten "radikal" vertreten werden - jederzeit. Daraus ergebe sich politische Wachsamkeit und "gelegentlich vielleicht eine Nähe zu manchen politischen Richtungen", parteipolitisch aber sollte Kirche Abstand halten, postuliert er. Der studierte Theologe - Kroeger ist auch Mitglied der Kreissynode und der Westfälischen Landessynode - verteidigt außerdem die historisch-kritische Methode des Hochschulstudiums. Die war von Seiten eines Freikirchenpastors als fragwürdig, weil tendenziell "glaubenszersetzend", kritisiert worden. »Jungferngeburt ist nicht wörtlich zu verstehen« Kroeger sieht es eher andersrum: "Dadurch entsteht vielmehr ein besserer Zugang zum Glauben." Er nennt das Beispiel Jungferngeburt Jesu. "Wenn wir wissen, wie das vor 2.000 Jahren gemeint gewesen ist, entsteht Erkenntnis." So habe die wissenschaftliche Methode hervorgebracht, dass es zum einen biblische Übersetzungsfehler gebe, zum anderen die Bezeichnung Jungferngeburt sprachlich damals ein ganz "wunderbares" Ereignis markiere. Ein wortwörtliches Verstehen sei deshalb irreführend und falsch. In diesem Punkt sieht Walter Schroeder den größten Unterschied zu zahlreichen Freikirchen. Für ihn deckt die kritische Analyse der von Menschen verfassten biblischen Texte gerade den Kern der christlichen Botschaft auf. Ohne sie kämen absurde Vorstellungen wie der Kreationismus bei der Bibellektüre heraus, "über den ich nur den Kopf schütteln kann". Auf diesem Gebiet, sagt Schroeder, müssten manche Freikirchen sich noch entwickeln. Dennoch will er nicht mit ihnen streiten, sondern lieber die Gemeinsamkeiten betonen: "Beim Glaubensbekenntnis gibt es keine Unterschiede." Wie Schroeder freut sich auch Kroeger über die Existenz blühender Freikirchen, "so lange sie die Freiheiten der Einzelnen nicht einschränken". Einen Wettbewerb mit ihnen gebe es nicht, vielmehr könnten viele evangelische Gemeinden sogar von ihnen lernen, sagen beide Kirchenmänner. Die eigene Kirche sei oft zu steif, zu verkopft, während Freikirchen Erleben, Spaß und Lebensfreude bewusst als Glaubensverstärkung einsetzen. "Das ist bei uns etwas unterentwickelt", sagt Kroeger, ohne damit ausdrücken zu wollen, dass die Gemeinden bürgerliche Belustigungsvereine werden sollten.

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