Appell: "Verbannt Nuklearwaffen" heißt übersetzt der englische Text ist auf dem Plakat vor Angelika Claußen. Das Poster wird aktuell bei allen Aktionen des Netzwerks IPPNW eingesetzt. Im Hintergrund die PACE-Flagge, die Regenbogenfahne der internationalen Friedensbewegung. - © Sarah Jonek
Appell: "Verbannt Nuklearwaffen" heißt übersetzt der englische Text ist auf dem Plakat vor Angelika Claußen. Das Poster wird aktuell bei allen Aktionen des Netzwerks IPPNW eingesetzt. Im Hintergrund die PACE-Flagge, die Regenbogenfahne der internationalen Friedensbewegung. | © Sarah Jonek

Bielefeld Kandidatin für den Bielefelder Frauenpreis (2): Angelika Claußen

Angelika Claußen engagiert sich seit 30 Jahren mit ihrer Organisation IPPNW (Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges) für eine Welt ohne Nuklearwaffen

Heidi Hagen-Pekdemir

Bielefeld. Die Zahl der Demonstrationen, an denen sie sich beteiligt hat, kann Angelika Claußen nur schätzen. "100 könnten es gewesen sein", sagt die Ärztin für Psychiatrie und Psychologie. Mit den Protesten gegen den Vietnamkrieg in den 1960er Jahren fing alles an. Die gebürtige Oldenburgerin studiert in Aachen, später in Köln. In den 80ern folgen erste Kontakte zur weltweiten Friedensbewegung. Etwa zur gleichen Zeit wird die Medizinerin Mitglied im IPPNW, einem weltumspannenden Netzwerk aus Aktivisten internationaler Ärzte zur Verhütung des Atomkriegs. Die deutsche Sektion ist heute mit gut 8.000 Mitgliedern die größte berufsbezogene Friedensorganisation in Deutschland. Bei ihrem ersten Kongress lernt die heute 66-Jährige einen prominenten IPPNW-Mitbegründer kennen: Horst Eberhard Richter. Der 2011 gestorbene Psychoanalytiker und Buchautor gilt bis heute als Leitfigur der deutschen Friedensbewegung. "Wir haben damals schon in vielen Köpfen ein Bewusstsein für die verheerenden Auswirkungen bewaffneter Auseinandersetzungen schaffen können", erinnert sie sich. "Zwar gehören wir selbst nicht zu den Mächtigen, können selbst keine Veränderungen beschließen, doch wir können aufklären." Damit sich überhaupt etwas verändere, müsse manchmal Schreckliches vorausgegangen sein, hat Claußen erfahren. Etwa die Reaktorkatastrophe im russischen Tschernobyl 1986 und der Super-GAU 2011 in Fukushima. Als die ersten Nachrichten aus Japan kommen, halten sich Mitglieder des IPPNW gerade zu einem Kongress in Frankfurt auf. Diese Katastrophe sei damals Anstoß gewesen für "viele, viele große Proteste". Ihr Netzwerk beschließt spontan, jeweils montags in deutschen Städten gegen den Einsatz von Nuklearwaffen und für den Frieden zu demonstrieren. Am Ende haben sich Tausende an insgesamt 800 Orten beteiligt. Das Erreichte beschreibt Claußen heute als ersten großen Erfolg von IPPNW: Nach diesen Massenprotesten beschließt die Bundesregierung, alle acht deutschen Atomkraftwerke vom Netz zu nehmen. Von den verheerenden Auswirkungen der Katastrophen hat Claußen auch ganz persönliche Eindrücke. In der Region Tschernobyl trifft sie Liquidatoren, Menschen, die nach dem GAU im verstrahlten Reaktorumfeld aufräumen mussten. Viele von ihnen wurden so stark verstrahlt, dass sie später sterben. Ebenso begegnet sie Strahlenopfern in Fukushima, darunter viele junge Frauen, die an Schilddrüsenkrebs erkrankt sind. Als einen der größten IPPNW-Erfolge bezeichnet Claußen die Gründung der Internationalen Kampagne zur Abschaffung von Atomwaffen (ICAN) im Jahr 2007. Aktuell amtiert die Bielefelderin als deren Europa-Vorsitzende. ICAN wurde 2007 für ihren bahnbrechenden Einsatz für ein vertragliches Atomwaffenverbot in Oslo mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet. Bei der Übergabe anwesend war auch die 85-jährige Überlebende des US-Atombombenangriffs auf Hiroshima, Setsuko Thurlow. Einzigartig an ICAN ist laut Claußen, dass es mit diesem Bündnis gelungen sei, den Atomwaffenverbotsvertrag aufzustellen und damit "die Lücke im humanitären Völkerrecht zu schließen". 50 Staaten haben bis heute diese Vereinbarung unterschrieben, Deutschland gehört noch nicht dazu. "Das ist eine richtig harte Nuss, die wir da knacken müssen", weiß sie. "Doch wir sind dickköpfig und bleiben bei der Sache." Die Atomwaffen-Gegner seien mit Bundestagsabgeordneten im Gespräch, um sie von der Notwendigkeit der Vertragsunterzeichnung zu überzeugen. Und obwohl CDU und SPD an den US-Atomwaffen in Deutschland festhalten, bleibt sie zuversichtlich. Atomwaffengegner auf der einen Seite, auf der anderen Staaten, die aufrüsten: Mit China Nordkorea, Israel, Indien Pakistan, Russland, Frankreich, Großbritannien und den USA sind es derzeit neun. Anlass zur Resignation? Claußen glaubt an den Erfolg ihrer Mission - wenn auch das Ziel mit eher kleinen Schritten erreicht werde. "Wir werden das Abkommen zum Atomwaffenverbot bekommen und weitere Akteure für unsere Idee hinzugewinnen." Gerade in Deutschland gebe es im Vergleich zu anderen Ländern eine überdurchschnittlich große Zahl an Menschen, die sich gesellschaftlich engagiert. Aktiv ist ICAN auch in Bielefeld. Wofür sich das Netzwerk einbringt, zeigt im kommenden Mai die Ausstellung "Hibakusha weltweit", eine Dokumentation über die Auswirkungen der Atomkraft.

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