Vollsperrung auf der Eckendorfer Straße: Dekra-Mitarbeiter Uwe Semsch stellt die Puppe mit der Kleidung des Unfallopfers in Position. Gelbe Markierungen auf dem Asphalt signalisieren ihm, wo die Puppe anschließend stehen muss, wenn die Spezialkamera näher kommt. Sie misst den Kontrast des Fußgängers zur Umgebung. - © Oliver Krato
Vollsperrung auf der Eckendorfer Straße: Dekra-Mitarbeiter Uwe Semsch stellt die Puppe mit der Kleidung des Unfallopfers in Position. Gelbe Markierungen auf dem Asphalt signalisieren ihm, wo die Puppe anschließend stehen muss, wenn die Spezialkamera näher kommt. Sie misst den Kontrast des Fußgängers zur Umgebung. | © Oliver Krato

Bielefeld Experten stellen tödlichen Unfall auf Eckendorfer Straße nach

Leuchtdichtemessung: Dekra-Ingenieure messen mit einer Spezialkamera, ab wann der Autofahrer den Fußgänger am Silvesterabend sehen konnte. Dafür musste die Straße voll gesperrt werden

Jens Reichenbach

Bielefeld. Ein dunkel gekleideter Fußgänger (52) ist am Silvesterabend auf der Eckendorfer Straße von einem Auto erfasst und tödlich verletzt worden. Um herauszufinden, ob dieser Unfall aus Sicht des Golffahrers (27) vermeidbar war, wurde jetzt die Unfallstelle in Höhe von "Wernings Hof" für gut 80 Minuten komplett gesperrt. Drei Unfallanalytiker der Dekra hatten die schwierige Aufgabe herauszufinden, ab wann das Opfer in der Dunkelheit zu erkennen war. Diplom-Ingenieur Uwe Hellkamp spricht von einer "Leuchtdichtemessung". Um die Erkennbarkeit einer Person zu messen, werde der Kontrast zwischen Fußgänger und seiner Umgebung gemessen. Erst wenn dieser Kontrast stark genug sei, ist eine Person zu erkennen. Um 17.50 Uhr beginnt die Vollsperrung zwischen Schelpmilser Weg und Am Wellbach. Die Berufsfeuerwehr ist mit einem großen Tanklöschfahrzeug vor Ort, um die Fahrbahnen auf beiden Seiten zu wässern. "Wir müssen die Rahmenbedingungen möglichst genau nachstellen - also auch die Witterungsbedingungen. Sogar Obi schaltet für die Messung das Außenlicht aus Am Silvesterabend war es sehr regnerisch", erklärt der Fahrzeugtechniker und Spezialist für Unfallforschung. Gleichzeitig schaltet der nahe gelegene Obi-Baumarkt seine Außenbeleuchtung aus. So wie an jenem Abend auch. Selbst die Kleidung des Unfallopfers wird verwendet. Eine Menschenattrappe mitten auf der Straße trägt seine braune Lederjacke, schwarze Jeans, die Schuhe und den blau-grünen Rucksack, den der 52-Jährige an jenem Abend bei sich trug. Er war - so besagt es das bisherige Ermittlungsergebnis - über einen kleinen Pfad durch das Gebüsch an der Eckendorfer Straße auf den Gehweg getreten und um 18.18 Uhr über die Eckendorfer Straße auf die Parkplatzzufahrt des Restaurants "Wernings Hof" zugelaufen. Dort ist Tempo 70 erlaubt. Der Golffahrer fuhr nach eigener Aussage auf der rechten Spur stadtauswärts. Demnach hatte der 52-Jährige die vierspurige Straße schon fast überquert, als er vom Golf vorne rechts erfasst wurde. Die Dekra-Techniker stellen nun die Wege von Fußgänger und Auto in dem gesperrten Abschnitt nach. Im baugleichen Golf ist in Kopfhöhe eine Spezialkamera installiert. Sie misst zunächst aus 60 Metern Entfernung die Kontraste der Puppe. "Bei 70 km/h beträgt der Bremsweg etwa 50 Meter. Deshalb haben wir die Messung aus dieser Entfernung begonnen", erklärt Hellweg. Die wertvolle Spezialkamera, von denen die Dekra bundesweit nur drei Stück besitzt, messe Leuchtdichte objektiv. Die Messdaten werden dann mit Hilfe einer Software ausgewertet und der Kontrast berechnet. Die Ingenieure messen jeweils mit einem blendenden Auto im Gegenverkehr und ohne Blendung. Dann rollt Dekra-Kollege Uwe Hagemann den Golf fünf Meter vor, Uwe Semsch positioniert gleichzeitig die Menschen-Attrappe ein Stück weiter über die Straße. Der Messung wohnen die ganze Zeit Feyzi Evin, Anwalt des Fahrers, und Jörg Stephan, Sachbearbeiter vom Verkehrskommissariat 1, bei. Erst mit dem Ergebnis dieses lichttechnischen Gutachtens, das in ein paar Wochen vorliegen wird, kann Stephan entscheiden, ob gegen den Fahrer ein Vorwurf ("fahrlässige Tötung") erhoben wird. Hellkamp stoppt die Analyse an der 25-Meter-Marke. "Spätestens von hier aus ist er gut erkennbar", sagt er, "vielleicht schon bei 30 Metern." Anwalt Evin, dessen Mandant durch den Unfall psychisch sehr belastet ist und den Unfall am liebsten ungeschehen machen möchte, lobt die Ermittlungsbehörden: "So ein Aufwand wird nicht oft betrieben." Die Dekra-Experten nicken: "Wir führen solche Messungen nur fünf bis sechsmal pro Jahr durch", so Hellkamp. Dass dafür eine vierspurige Straße gesperrt wird, ist sogar noch seltener.

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