Schreckschusswaffe in der Tasche: Immer mehr Bielefelder beantragen einen kleinen Waffenschein und legen sich Gas-, Signal- oder Schreckschusspistolen zu. Ein Jöllenbecker Shop bietet die Waffen extra zu Silvester an - ein Geschäft mit der Angst. - © dpa
Schreckschusswaffe in der Tasche: Immer mehr Bielefelder beantragen einen kleinen Waffenschein und legen sich Gas-, Signal- oder Schreckschusspistolen zu. Ein Jöllenbecker Shop bietet die Waffen extra zu Silvester an - ein Geschäft mit der Angst. | © dpa

Bielefeld Immer mehr Bielefelder bewaffnen sich

Kleiner Waffenschein: In Zeiten gefühlter Unsicherheit greifen mehr Bürger zur Waffe. Die Zahl der Erlaubnisse hat sich 2016 verachtfacht und bleibt 2017 hoch. Zu Silvester wurden die "kleinen Waffen" extra beworben

Christine Panhorst

Bielefeld. Eine "Röhm", eine "Walther" oder eine "Smith & Wesson" bot ein Bielefelder Waffenshop in seiner Silvester-Rubrik an. Was nach scharfen Schusswaffen klingt und aussieht, sind Schreckschuss-, Signal- und Gaswaffen, die mit einem kleinen Waffenschein ohne viele Hürden erworben werden können. Auch in Bielefeld erleben solche Waffen seit 2016 einen Boom, der auch 2017 weiter anhält. Die Wirksamkeit der Waffen zum "Selbstschutz" ist mehr als fragwürdig. Der Anstieg bei den "kleinen Waffen" ist erschreckend hoch und kam sprunghaft. Das zeigt eine Anfrage bei der Bielefelder Polizei. Von 2010 bis 2015 schwankte die Zahl der neu vergebenen kleinen Waffenscheine noch im zweistelligen Bereich pro Jahr: 2014 waren es noch 43 neu erteilte Berechtigungen, 2015 dann bereits 77. 2016 explodierte die Nachfrage plötzlich - 630 neue Berechtigungen wurden vergeben. 2017 bleibt die Zahl laut Polizei dreistellig: 289 kleine Waffenscheine wurden bis Mitte Dezember bereits vergeben. Bielefeld rüstet weiter auf. Und das ist denkbar einfach: Man muss über 18 Jahre alt sein, darf nicht vorbestraft, nicht Mitglied einer verbotenen Organisation oder drogenabhängig sein. Sind diese Voraussetzungen erfüllt, steht dem kleinen Waffenschein nichts im Weg. Wer ihn hat, darf Signal-, Schreckschuss- und Gaspistolen einsatzbereit mit sich tragen - "führen" heißt das im Fachjargon - und daran sind offenbar immer mehr Bielefelder interessiert: 1.566 haben aktuell einen kleinen Waffenschein - beinahe die Hälfte aller Waffenerlaubnisse in der Stadt. Insgesamt dürfen 3.400 Menschen in Bielefeld je nach Waffenschein Waffen verschiedener Art führen - Jäger und Sicherheitsleute sind ebenso darunter wie Privatpersonen. Die Entwicklung beim kleinen Waffenschein ist kein Einzelfall, sondern ein bundesweites Phänomen. Als Hauptgrund werden immer wieder die Übergriffe in der Kölner Silvesternacht 2015 angeführt. Das Sicherheitsgefühl der Deutschen hat sich verändert, der kleine Waffenschein soll es zurückbringen. Doch was dem einen mehr Sicherheitsgefühl gibt, nimmt es dem anderen und birgt neue Gefahren: Gerade weil die Schreckschuss- und Gaswaffen mit eingeprägter PTB-Zulassung auf Anhieb kaum von scharfen Waffen zu unterscheiden sind. Auch nicht für die Polizei. "Das ist ein trügerisches Gefühl von Sicherheit" "Der Unterschied ist vor allem bei Dunkelheit schwierig feststellbar", sagt Polizeipressesprecher Michael Kötter. Situationen könnten unnötig eskalieren. Und: Das Führen der Waffen sei mit kleinem Waffenschein zwar zulässig, er berechtige jedoch nicht zum Tragen einsatzbereiter Waffen bei öffentlichen Veranstaltungen und auch nicht zum Schießen. "Der wahllose Einsatz ist nicht statthaft. Es gibt gesetzlich geregelte Ausnahmefälle, zum Beispiel bei Notwehr", erklärt Kötter. Das gilt auch für Silvester-Signal-Munition, wie sie ebenfalls im Bielefelder Waffenshop zu Silvester angeboten wurde. "Das Abfeuern in die Luft ist nur auf Privatgrundstücken bei Eigentum erlaubt", so Kötter. Auf fremdem Eigentum wie vor Mietshäusern darf nicht herumgeballert werden, es sei den der Eigentümer stimmt dem zu. Denn die Verletzungsgefahr sei nicht zu unterschätzen, warnt die Polizei. Selbst eine Platzpatrone könne, aus nächster Nähe abgefeuert, ernste Verletzungen verursachen. Und wie sieht es mit dem Selbstschutz aus? Auch da rät die Polizei von den "kleinen Waffen" ab. Man wisse nie, wie ein Gegenüber reagiere, wenn eine Waffe gezogen wird. Besser stehe man damit im Ernstfall nicht da, sagt Kötter. "Das ist ein trügerisches Gefühl von Sicherheit."

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