Konzentriert von Punkt zu Punkt: Zweimal in der Woche haben die Schüler an der Waldorfschule Eurythmieunterricht. Bei manchen Figuren nutzen sie Kupferstäbe. Lehrerin Gisela Beck (hinten vor der Tafel) korrigiert, Chihiro Masaki begleitet am Flügel. - © Sarah Jonek
Konzentriert von Punkt zu Punkt: Zweimal in der Woche haben die Schüler an der Waldorfschule Eurythmieunterricht. Bei manchen Figuren nutzen sie Kupferstäbe. Lehrerin Gisela Beck (hinten vor der Tafel) korrigiert, Chihiro Masaki begleitet am Flügel. | © Sarah Jonek

Bielefeld Es stimmt tatsächlich: Bielefelder Waldorfschüler tanzen ihre Namen

Aber die Schüler der Rudolf-Steiner-Schule lernen noch viel mehr

Ivonne Michel

Bielefeld. Echt? Du gehst auf eine Waldorfschule? Da ist doch alles aus Holz, ihr tanzt euren Namen - und lernt sonst nicht so viel, oder? "Es gibt schon ein paar Vorurteile", berichten die Achtklässler der Rudolf-Steiner-Schule, Waldorfschule in privater Trägerschaft in Schildesche. Aber sie sehen's gelassen. Und gewähren einen Einblick in ihr besonderes Unterrichtsfach Eurythmie. "Oh, kalt hier", sagt Pianistin Chihiro Masaki und setzt sich an den Flügel im großen, mit hellgrauem Teppichboden ausgelegten Eurythmiesaal. Die Wände sind entsprechend der Waldorf-Pädagogik orange-rosafarben gestrichen. Die Musik ertönt, mit halb erhobenen Armen und in rhythmischen Bewegungen treten die Achtklässler ein, kommen im Kreis zusammen. Auf die Zehenspitzen "Arme ganz nach oben strecken - zwei, drei vier", gibt Lehrerin Gisela Beck die Anweisung für die erste Übung. Auf die Zehenspitzen, auf einem Bein stehen, Augen zu: Mit einfachen Bewegungen geht's los. Dann verteilt Beck, die Eurythmie studiert und an verschiedenen Forschungsprojekten zu der speziellen Tanzpädagogik mitgearbeitet hat, Kupferstäbe. Masaki lässt ein Menuett erklingen, im Rhythmus bewegt sich die Klasse vor, zurück, mal ganz langsam, mal schnell. In der Mitte geben die Schüler die Stäbe an die Klassenkameraden weiter. "Sehr gut", lobt Beck und zeichnet die nächste Figur an: Krone und Wolke nennt sich die Kombination, eine anspruchsvollere Übung. "Klar können wir unseren Namen tanzen" Am Ende der Stunde zeigen die Schüler, dass sie mit ihrer Körpersprache wirklich auch buchstabieren können. "E - ich halte mich", sagt Beck. Sie und die Schüler schlingen die Arme um sich selbst. "I - ich als Person": Alle Schüler strecken einen Arm in die Höhe. Für "K" steht "klare Worte sprechen", alle strecken beide Arme am Körper abwärts. "Klar können wir auch alle unsere Namen tanzen", sagt Neels (13). Aber das sei echt nur ein kleiner Teil. Eurythmie sei sehr entspannend - und mache Spaß. Auch in Verbindung mit Texten werden Inhalte aus der Eurythmie eingesetzt. "Zum Beispiel, wenn wir Gedichte lernen oder Geschichten vortragen", erklärt Beck. "Es ist sicher nicht für jeden etwas, man kann aber sehr viel damit erreichen." Die Bewegungen helfen, sich selbst besser wahrzunehmen, ganz präsent zu sein, sich besser ausdrücken zu können und mutig in den Raum zu treten. Beweglich zu sein ist gefragt "Außerdem wird die Sozialkompetenz gefördert, die Schüler lernen, sich auf andere einzustellen und sich selbst auch mal zurückzunehmen", erklärt Beck. Beweglich zu sein, sein Tempo immer wieder anzupassen und flexibel zu reagieren, sei heutzutage auch in anderen Bereichen gefragt. Die erlernten Fähigkeiten kämen den Schülern in allen Fächern zugute. Eurythmie habe auf jeden Fall seine Berechtigung, erfahre auch immer mehr Anerkennung, wie auch viele andere Tanzprojekte. "Die Seele erzählt Geschichten, turnt und tanzt - so würde ich es vielleicht formulieren", sagt Beck.

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