Ihr reicht es endgültig: Weil Bedrohungen und Belästigungen durch Drogenabhängige an der sogenannten Tüte und an der Herbert-Hinnendahl-Straße zugenommen haben, will die Psychotherapeutin ihre eigentlich schön gelegene Praxis verlassen. - © Andreas Frücht
Ihr reicht es endgültig: Weil Bedrohungen und Belästigungen durch Drogenabhängige an der sogenannten Tüte und an der Herbert-Hinnendahl-Straße zugenommen haben, will die Psychotherapeutin ihre eigentlich schön gelegene Praxis verlassen. | © Andreas Frücht

Bielefeld Anliegerin: "Die Behörden haben die Kontrolle an der Tüte verloren"

Aggressive Drogenszene: Psychotherapeutin sieht Grenze des Zumutbaren überschritten und 
sucht einen Ersatz für ihre Praxis an der Herbert-Hinnendahl-Straße

Jens Reichenbach

Bielefeld. Bereits seit 2011 führt sie eine schöne und gut erreichbare Praxis an der Herbert-Hinnendahl-Straße. Die 43-jährige Psychotherapeutin ist keine ängstliche Person, jahrelang fühlte sie sich durch die Trinker- und Drogenszene im Stadthallenpark zwischen „Tüte" und Willy-Brandt-Platz nicht groß belästigt. Doch vor eineinhalb Jahren habe sich an der Tüte etwas grundlegend geändert, sagt sie und betont: „Die Behörden haben hier die Kontrolle verloren." "Bedrohlich angegangen" Wiederholt sei sie von Menschen, die sichtbar unter Drogen standen, bedrohlich angegangen worden. „Mir haben sich drei Männer in den Weg gestellt. Einem anderen habe ich mein CS-Gas direkt ins Gesicht gehalten, damit er mich in Ruhe lässt." Das Reizgasspray hat sie sich erst 2016 angeschafft. „Ich nehme es inzwischen jeden Morgen und Abend in die Hand, wenn ich die 200 Meter zwischen Praxis und Parkhaus vor mir habe." Die Diskussion um die Zustände rund um die sogenannte Tüte ist nicht neu. Mit der Psychotherapeutin, die aus Angst vor der aggressiven Szene nicht erkannt werden möchte, schlägt aber erstmals eine Anliegerin Alarm, die vor wenigen Jahren dafür noch keinen Anlass sah. „Die Grenzen der Zumutbarkeit sind jetzt überschritten." Mehr Konsumenten harter Drogen Zum einen seien es mehr Konsumenten harter Drogen, zum anderen seien bestimmte Gruppen auch deutlich aggressiver, sagt die Bielefelderin. Die Stimmung sei spürbar bedrohlicher geworden. „Am schlimmsten war es im November und Dezember 2016", erinnert sie sich. Damals sei ihre Kollegin überfallen und ausgeraubt worden. Regelmäßig gebe es Schlägereien. „Die Blutlachen auf den Wegen werden gar nicht mehr entfernt." Sie selbst habe ihren Hinterhofparkplatz aufgeben müssen, weil dort im Dunkeln Drogen- und andere Geschäfte verrichtet wurden. „Das war mir zu gefährlich." Das Problem: Die Szene beschränkt sich längst nicht mehr nur auf den Park. „Meine Patienten berichten, dass sie an den Parkscheinautomaten – also auf der gegenüberliegenden Straßenseite – sehr aggressiv angegangen würden. Viele von ihnen fühlen sich bedroht." Das sei vor allem für ihre Traumapatienten bedenklich. „Ein Patient hat mir eröffnet, dass er das nicht aushalten könne. Ich musste ihn weitervermitteln." Die Situation sei inzwischen so unerträglich, dass die 43-Jährige nun neue Praxisräume suche – auch im Umland. "Das muss Bielefeld aushalten" Als Gegenargument hört man von Verwaltung und Politikern oft, dass eine Großstadt so einen Szenetreffpunkt aushalten müsse. „Trotzdem möchte ich als Anwohner auch geschützt werden", entgegnet die 43-Jährige. Das habe sie auch Polizeibeamten gesagt. „Die zeigen sich stets verständnisvoll und betonen, dass sie auch lieber härter durchgreifen würden." Aber auf politischer Ebene sei die Szene hier ein Stück weit geduldet. „Ein Beamter hat mir sogar geraten: Beschweren Sie sich deshalb beim Oberbürgermeister." Polizeisprecherin Sonja Rehmert entgegnet: „Die Polizei schreitet an der Tüte konsequent bei Straftaten ein. Bis heute haben wir in den genannten Bereichen aber keine besonderen Veränderungen und Auffälligkeiten festgestellt." Im Bereich Bahnhofstraße habe es zwar einen Anstieg der Raubtaten gegeben (Höchststand 2016: 20 Taten), dafür seien die Körperverletzungen rückläufig. Rehmert erklärt: „Wer sich bedroht fühlt, sollte die Polizei rufen." Pöbeleien und Betteleien lägen aber im Zuständigkeitsbereich der Stadt. „Daher verweisen wir hier an die Stadt weiter." Doch die hat ein Personalproblem. "Szene muss beruhigt werden" Die Abwanderungswillige glaubt, dass die Szene dringend beruhigt werden müsse: „Durch mehr Polizeipräsenz im Alltag. Die paar Polizeirazzien im Jahr bringen nicht viel." Ein Alkoholverbot würde auch viele abhalten. Doch genau das wurde bereits vor Gericht gekippt. Die BfB forderte kürzlich dennoch einen zweiten Anlauf „Ich kann die Hilflosigkeit der Behörden sogar verstehen. Aber wenn hier nicht mehr passiert, gehen irgendwann alle weg. Dann droht richtige Verwahrlosung."

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