Herzlich willkommen: Stefan Brams (r.) begrüßt die Künstler und Datenschutzaktivisten padeluun (l.) und Rena Tangens zum zweiten Mittagsgespräch im durchnässten Holzhaus an der Kunsthalle. - © Foto: Andreas Zobe
Herzlich willkommen: Stefan Brams (r.) begrüßt die Künstler und Datenschutzaktivisten padeluun (l.) und Rena Tangens zum zweiten Mittagsgespräch im durchnässten Holzhaus an der Kunsthalle. | © Foto: Andreas Zobe

Kultur Digitalcourage: „Bielefeld als Datenschutzhauptstadt“

Mittagsgespräche im Holzhaus (2): Rena Tangens und padeluun wünschen sich Kommunen, die Freiräume für die freie Entfaltung ihrer Bürger schaffen und sie nicht als Konsumenten und Überwachungsobjekte sehen

Stefan Brams

Bielefeld. Als vor einigen Wochen bekannt wurde, dass die Real SB-Warenhaus GmbH die Gesichter ihrer Kunden scannt, protestierten die Datenschutzaktivisten von Digitalcourage und stellten Strafanzeige. Mit Erfolg. Real hat das Vorgehen eingestellt.Das Beispiel zeige, „dass es sich lohnt, aktiv zu werden und sich einzumischen", betonen Rena Tangens und padeluun, die zusammen vor nunmehr 30 Jahren den Verein Digitalcourage in Bielefeld ins Leben gerufen haben, im zweiten Holzhausgespräch zum Thema „Querdenken in Bielefeld". Querdenken gehört für die beiden Künstler seit jeher zum Alltag, denn sie haben es sich zum Ziel gesetzt, „eine lebenswerte Welt im digitalen Zeitalter" zu schaffen. Ein großes Ziel. Damit sind die Holzhausgäste auch gleich bei einem ihrer Themen für das Mittagsgespräch – sie würden Bielefeld gerne zur „Hauptstadt des Datenschutzes" im Lande machen. Klingt nach einem weiteren großen Ziel, „denn datenschutzfreundlich ist die Stadt noch nicht wirklich", sagt Tangens. "Wir sind fürden Ausbau des Freifunks" Daher hätten sie das Gespräch mit Oberbürgermeister Pit Clausen gesucht. „Wir haben ihm gegenüber deutlich machen können, dass Datenschutz auch eine wichtige städtische Aufgabe ist, mit der sich die Stadt profilieren kann", sagt Tangens. Und was müsste Bielefeld ihrer Ansicht nach tun?Die Stadt könnte zum Beispiel auf ihrer eigenen Webseite darauf verzichten, fremde Inhalte einzubinden. Stattdessen sollte sie selbige lieber direkt auf die eigenen Server stellen. Zudem sollten keine Schriften von Google einbezogen werden. Dadurch werde verhindert, dass Google Nutzer der Seite ausspähen könne. Des Weiteren sollte die Stadt ihre Mitarbeiter intensiv in Sachen Datenschutz schulen und an den Schulen das Thema zum Bestandteil des Unterrichts machen. Aber auch der digitale Ticketverkauf bei Mobiel und die Videoüberwachung in der Stadt seien Themen, bei denen die Stadt Signale setzen könnten wider Überwachung und Ausspähung. padeluun könnte sich gar eine „verrückte Rückentwicklung" denken. „Wie wäre es, wenn die Stadt selbst mehrere kleinere städtische Provider unterhält, die auch Mailanbieter sind, um die riesige Zentralisierung zu durchbrechen?", fragt er. Posteo und mailbox.org seien gelungene Beispiele. „Warum sollte sich so was nicht auch in Bielefeld aufbauen lassen? Dann könnte ich meinem Mail-Account-Verwalter direkt in die Augen schauen." Das schaffe ein ganz anderes Vertrauen. Ein weiteres Thema, das den beiden Aktivisten unter den Nägeln brennt, ist die Idee von der „Smart City" – der digital vernetzten Stadt, die als wünschenswert proklamiert werde. Dazu haben sie einen klaren Standpunkt. „Eine Stadt kann nicht smart sein", betonen sie. „Nur die Bürger können es sein und zwar dann, wenn sie nicht nur als Konsumenten betrachtet werden, wenn sie nicht ständig überwacht, manipuliert und beobachtet, sondern als Bürger ernst genommen werden." „Es gilt daher, Räume zu schaffen, in denen sich die Menschen frei entfalten können, wo Menschen sich, ohne Eintritt bezahlen zu müssen, aufhalten und sich wohl fühlen können", betont Tangens. Und padeluun ergänzt: „Dort sollten sie auch frei ins Netz gehen können. Deshalb treten wir für den Ausbau des Freifunks ein." Bei diesem Modell stellten Bürger ihre digitale Infrastruktur zur Verfügung. Das habe auch den Vorteil, dass man Komplettanbietern aus dem kommerziellen Bereich wiederum aus dem Weg gehen könne. "Es muss sich nicht rechnen, es muss sich lohnen" Die Städte sollten überhaupt ihre Infrastruktur nicht an kommerzielle Unternehmen veräußern – „wie beim Cross Border Leasing geschehen". „Diesen Fehler sollten die Kommunen im digitalen Bereich gar nicht erst machen", warnen beide und fragen: „Möchte man wirklich in einer Stadt leben, deren digitale Infrastruktur Microsoft oder Huawei gehört?" Eben genau das bedeute das Modell „Smart City".Viel wichtiger sei es für die Bürger, dass es eine intakte Infrastruktur gibt, dass der Nahverkehr gut ausgebaut ist, dass es sichere Rad- und Fußwege gibt, dass die Nahversorgung mit Lebensmitteln, Kitas und Schulen gegeben ist, dass eine intakte Nachbarschaft existiert – „kurz, dass der Wohnort lebenswert ist". Und noch etwas ist Tangens und padeluun in diesem Zusammenhang wichtig: „Wir müssen aufhören, unsere Verantwortung an technische Strukturen zu delegieren, denn sonst sinken das Engagement und die Bereitschaft der Bürger, Verantwortung zu übernehmen, noch weiter. Wir brauchen aber das Gegenteil, wir brauchen viel mehr Menschen, die sich für ihre Stadt engagieren. Dazu sollte eine Stadt wie Bielefeld ihre Bürger animieren." Eine Überschrift für ihre Ideen haben padeluun und Tangens am Ende des Mittagsgesprächs auch parat: „Das Motto der Stadt sollte bei der Daseinsvorsorge, der Kultur und Bildung lauten: Es muss sich nicht rechnen, sondern es muss sich lohnen. Das ist die Aufgabe eines Gemeinwesens."

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