Strafverteidiger Sven Karsten - © Sarah Jonek
Strafverteidiger Sven Karsten | © Sarah Jonek

Bielefeld Von Hammer-Attacke bis Bandendiebstahl: Anwalt Sven Karsten vertritt schwere Jungs

Junger Strafverteidiger aus Bielefeld im Porträt

Dennis Rother

Bielefeld. Gemeinschaftliche Vergewaltigung, versuchter Mord per Hammerschlag, Bandendiebstahl in ganz OWL: Es sind bedeutende Kriminalfälle, um die sich Sven Karsten kümmert. Der Bielefelder Strafverteidiger gehört mit 37 Jahren regelmäßig zu den Jüngsten im Gerichtssaal und ist zwischen Schwerin und Freiburg im Einsatz. Prägend war für Karsten aber etwa ein Suizid-Prozess. Karsten ist gebürtiger Gelsenkirchener. Er kam über die Zentrale Vergabestelle nach dem Abitur 1999 und einem Jahr Wehrdienst an die Uni Bielefeld. „Im Nachhinein kann ich sagen: Ich hatte Glück." Die Stadt habe er liebgewonnen, „es ist meine neue Heimat." Das liege nicht zuletzt daran, dass er hier seine jetzige Ehefrau kennengelernt hat. Die Familie mit zwei Kindern wohnt in Mitte. Im Rechtswissenschaftsstudium habe er gemerkt, dass „gerade die abstrusesten Beispielfälle tatsächlich der Realität entsprangen". Strafrechtsfälle seien Klassiker – das weckte schnell die Lust an der Nische. „Außerdem bekommt man im Strafrecht oft die Chance, vor Gericht zu argumentieren. Alles entscheidet sich mündlich. Das liegt mir, das fasziniert mich", sagt er. Fachlich geschliffen wurde Karsten nach dem ersten Staatsexamen 2006 im Referendariat bei Holger Rostek, seit Jahrzehnten renommierter Verteidiger nicht nur in der Region. Nach dem zweiten Examen 2008 machte er sich selbstständig und arbeitet nun in gemeinsamer Kanzlei mit Sozius Nikolai Bolte an der August-Bebel-Straße. Fachanwalt für Strafrecht ist Karsten seit 2012. Opferfamilie des Roller-Mords vertreten Karstens Mandantenliste ist bereits lang – und für Laien einschüchternd. Er vertritt aktuell etwa den 51-Jährigen, der mit einem Hammer auf seine Frau eingeschlagen hat, sowie ein Diebesbandenmitglied, das mit Komplizen Beute im Wert von fast 100.000 Euro gemacht hat. Ganze Stahltresore wuchteten die Angeklagten aus Privathäusern. Bei seiner Großverfahren-Feuertaufe im Jahr 2009 sei es ebenfalls um eine Einbruchsserie gegangen – und im bekannten Roller-Mordprozess, in dem es um tödliche Schüsse an einem Möbelmarkt in Asemissen ging, vertrat er die Familie des Opfers. Einschneidend für ihn persönlich seien aber zwei andere Fälle gewesen, sagt Karsten: 2015 vertrat er in Detmold einen Autofahrer, der in den Gegenverkehr gerauscht war, um sich das Leben zu nehmen. „Auf den ersten Blick eine egoistische, feindselige Aktion", so Karsten. Es ging um versuchten Totschlag. Es stellte sich aber heraus, dass der psychisch kranke 43-Jährige zuvor ärztlich falsch behandelt wurde. „Er hatte quasi alles versucht, um Hilfe zu bekommen", so Karsten. Sicherheit gibt es nie Der Mann wurde wegen Schuldunfähigkeit schließlich freigesprochen. Das Schicksal aller Beteiligten habe ihn menschlich berührt, sagt Karsten. Beim Unfall hatten alle Beteiligten überlebt. Eher perplex sei er indes bei einem Fall 2011 gewesen. Sein Mandant hatte eine Frau gemeinsam mit einem Kumpel vergewaltigt, so die Staatsanwaltschaft. Im Verlauf des Verfahrens änderte das Opfer aber „entscheidende Aussagen", die Sachlage schien sich zu drehen. Am Ende plädierte nicht nur Karsten für Freispruch, sondern sogar der Staatsanwalt. Eine außergewöhnliche Aktion. Das Gericht sah es trotzdem anders. Fast drei Jahre kam Karstens Mandant in Haft. Das Urteil verblüffte auch Prozessbeobachter – und hielt in der Revision stand. Ein erhellender Moment, sagt Karsten im Nachhinein. Selbst wenn sich im Saal noch so viele Beteiligte einig sind: Sicherheit gebe es nie. Marathonprozesse vor Gericht, Ausdauersport privat: Um abzuschalten, fährt Sven Karsten in der Freizeit Rennrad und Mountainbike. Auch Joggen im Teuto stehe auf dem Programm. „Und ich spiele Gitarre", sagt er. Während der Studienzeit war er in der Jura-Musikband aktiv. „Kontakt haben wir immer noch."

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