Ernste Lage, ernste Miene: Die Elternsprecher Katrin Ernst, Andreas Hofer, Frank Elbracht und Roger Filges (v. l.). - © Andreas Zobe
Ernste Lage, ernste Miene: Die Elternsprecher Katrin Ernst, Andreas Hofer, Frank Elbracht und Roger Filges (v. l.). | © Andreas Zobe

Bielefeld Brandbrief: Eltern kämpfen in Sorge für 7.000 Realschüler in Bielefeld

Pflegschaften fordern mehr Unterstützung für die Schulform, bei der die Anmeldezahlen explodieren / Sekundar- und Gesamtschulen würden politisch bevorzugt

Dennis Rother

Bielefeld. Mit einem flammenden Appell wenden sich Elternvertreter der neun städtischen Realschulen an Politik und Verwaltung. Bielefelds Bildungslandschaft werde aktuell auf Kosten der Realschulen umgebaut, kritisieren sie in einem Brandbrief. Sie sehen die Schulform ihrer Kinder auf dem Abstellgleis, fühlen keine Rückendeckung mehr von Entscheidungsträgern - und das, obwohl die Anmeldezahlen explodieren. Kampflos wollen sie das nicht hinnehmen. Es geht um viel Geld, aber auch um Tacheles statt Hinhaltetaktik. Ernüchtert bis entsetzt seien Eltern schon lange, berichten Roger Filges (Realschule Heepen), Katrin Ernst (Gertrud-Bäumler-RS), Frank Elbracht (RS Jöllenbeck) und Andreas Hofer (RS Senne). Sie sind Mitverfasser des Briefes. "Wir waren zu lang zu leise. Das hört jetzt auf", sagt Filges mit Nachdruck. Die vier sprechen für etwa 7.000 Schüler, also etwa 14.000 Eltern. Der Status quo sei eindeutig: 1.037 Realschul-Anmeldungen lagen jüngst für das Jahr 2017/18 vor, ein Rekordwert. Alleine zur Luisenschule wollten 196 Kinder. Es gab aber nur 108 Plätze. Ablehnungsbescheide machten Eltern "fassungs- und hilflos", erzählt Luisenschulleiter Sven Pachur, der die Elternvertreter unterstützt. "Unsere Kapazitäten sind leider endlich", sagt Pachur. Den abgelehnten Kindern würden 90-minütige Schulwege zugemutet. Besserung sei nicht in Sicht. Massiv gefördert werden indes andere Schulformen, prangern die Elternvertreter im Schreiben an: 42 Millionen Euro aus dem Landesprogramm "Gute Schule 2020" fließen in den Neubau der Gesamtschule Schildesche, 3,4 Millionen Euro in den Erhalt der Sekundarschule Bethel. Dagegen sind Realschulen laut Frank Elbracht und Andreas Hofer mittlerweile auf privates Klinkenputzen angewiesen. Fördervereine seien notwendig, denn Hilfe von der Stadt "geht gegen Null", sagt Elbracht. Das Resultat: Fassaden bröckeln, Klassenzimmer fehlen, Überhänge steigen. Es klingt durch: Eltern fühlen sich im Stich gelassen. Realschulen im Abseits, dennoch kein Ende des Ansturms: Diese Sachlage müsse die Politik endlich zur Kenntnis nehmen, sagt Roger Filges. Eltern schätzten gemeinsames Lernen und überragende Übergangsquoten auf Gymnasien. Es gebe "Leistungsstandards" - also Noten - statt "leistungsloses Weiterschieben" der Kinder in höhere Klassen, so Filges. Realschul-Abgänger seien zudem genau die Fachkräfte, die die Wirtschaft brauche. Umso rätselhafter sei, dass mit Kuhlo- und Bosseschule zwei dreizügige Realschulen schließen sollen, während in Baumheide nur eine zweizügige entstehe. "Eine bewusste Benachteiligung", heißt es im Schreiben. "Die naive Vorstellung, dass eine ,Schule für alle' sämtliche sozialen und leistungsbezogenen Unterschiede nivelliert, zerschellt an der Realität und am Elternwillen." Dass Sekundarschulen "künstlich gefördert" werden, zeige auch ihr zeitlich vorgezogenes Anmeldeverfahren 2018. Damit gehe man der Realschul-Konkurrenz aus dem Weg und komme schneller an die nötigen 75 Anmeldungen. Weil Eltern befürchten, dass sie später keinen Realschulplatz ergattern, melden sie ihre Kinder vorsichtshalber für die Sekundarschule an, vermutet die Pflegschaft. Laut Roger Filges und seinen Mitstreitern ist das ein "Spiel mit der Angst der Eltern. Schülerströme werden bewusst umgelenkt." Die Frage nach dem "Warum" sei von allen Beteiligten bislang entweder ignoriert oder nur schwammig beantwortet worden. "Anstatt das Erfolgsmodell Realschule zu optimieren, wird es kaputtgemacht", sagt Frank Elbracht. Andere Schulmodelle würden hofiert, "aber die will ja keiner". Die Eltern drängen auf Klartext - und stoßen so mutmaßlich die nächste große Schuldebatte an.

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