Die Razzien versuchte die Polizei im Sommer immer wieder Druck auf Dealer und andere Kriminelle an der Tüte auszuüben. Offenbar wünscht das auch die Tütenklientel selbst. - © Christian Weische
Die Razzien versuchte die Polizei im Sommer immer wieder Druck auf Dealer und andere Kriminelle an der Tüte auszuüben. Offenbar wünscht das auch die Tütenklientel selbst. | © Christian Weische

Bielefeld Drogenbrennpunkt: Die Szene selbst hat jetzt Angst an der Tüte

Experten berichten im Sozial- und Gesundheitsausschuss zur Situation von Drogen- und Alkoholabhängigen in der Innenstadt

Jens Reichenbach

Bielefeld. Insgesamt 2,8 Millionen Euro gibt die Stadt Bielefeld für Hilfsangebote für Drogen- und Alkoholabhängige sowie Obdachlose aus. Ein Großteil dieser Hilfen finde in der Innenstadt statt, berichtete Sozialdezernent Ingo Nürnberger im Sozial- und Gesundheitsausschuss. "Wir erreichen damit sehr viele. Trotzdem wollen sich diese Menschen nicht wegsperren lassen", sagte Nürnberger nach einem Gespräch mit den regelmäßigen Besuchern der "Tüte" - dem Treff von Abhängigen, Trinkern und Wohnungslosen zwischen Bahnhof und Stadthalle. Nürnberger vertritt deshalb die Meinung, dass eine Verdrängungsstrategie nicht hilfreich sei. "Dann könnten wir die Betroffenen weniger gut erreichen und ihnen weniger gut Hilfe anbieten." "Sogar die Betroffenen wünschen mehr Polizeipräsenz" Andrea Knoke vom Sozialdienst Bethel, Michael Wiese von der Drogenberatung und Marc Korbmacher von der Diakonie für Bielefeld, die auch die Bahnhofsmission betreibt, berichteten über die jüngsten Entwicklungen vor allem an der sogenannten Tüte. Dabei überraschte eine wesentliche Erkenntnis: "Sogar die Besucher der Tüte wünschen sich vor Ort mehr Polizeipräsenz", berichtet Knoke. Weil neu hinzugekommene nordafrikanische Gruppen für eine neue Härte in der Szene gesorgt hätten. "Wir haben auch den Eindruck, dass die Situation an der Tüte mit mehr Angst besetzt ist", bestätigte Korbmacher das Feedback der ehrenamtlichen Mitarbeiter der Bahnhofsmission.Einig waren sich die Experten, dass die Szene nicht homogen sei, eine Vermischung verschiedener Gruppen. Valide Zahlen über die Größe der Szene hatte keiner. Etwa 45 Prozent der dort anzutreffenden Menschen sei Klientel des Drogenhilfezentrums (DHZ), das noch nie so viele Klienten in seinen Konsumräumen hatte wie jetzt. Nürnberger befürwortete daher eine geplante Erweiterung der Konsumraumplätze im DHZ, riet aber von einer zweiten Anlaufstelle für Drogensüchtige in Bahnhofnähe ab. "Die Menschen brauchen einen Ort, um dealen und hehlen zu können" Nur ein Drittel der Besucher am Stadthallenpark sei auch Gast des Suchthilfetreffs "Kava", unter einem Drittel sei der Besucheranteil der Bahnhofsmission. Das Angebot, die Toiletten der Mission nutzen zu dürfen, wurde gar nicht angenommen. Knoke benennt die Attraktivität der Tüte für die Szene: "Die Menschen brauchen einen Ort, um sich zu treffen, aber auch die Möglichkeit, um dealen und hehlen zu können. Beides ist ihnen in den Einrichtungen nicht möglich. Dort wird haarscharf aufgepasst."

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