Unter hygienischen Bedingungen: Ein Abhängiger aus Bielefeld setzt sich - in dieser gestellten Szene - im Drogenkonsumraum einen Schuss in den Handrücken. Dazu hat er das Rauschmittel in einem Löffel mit Wasser und Ascorbinsäure aufgelöst. - © Andreas Frücht
Unter hygienischen Bedingungen: Ein Abhängiger aus Bielefeld setzt sich - in dieser gestellten Szene - im Drogenkonsumraum einen Schuss in den Handrücken. Dazu hat er das Rauschmittel in einem Löffel mit Wasser und Ascorbinsäure aufgelöst. | © Andreas Frücht

Bielefeld In Bielefeld werden mehr Drogen konsumiert denn je

Drogenhilfezentrum: Geschäftsführer Michael Wiese muss über einen Ausbau an der Borsigstraße nachdenken. Auch eine zweite Anlaufstelle für Substituierte wird nötig

Jens Reichenbach

Bielefeld. Das Drogenhilfezentrum (DHZ) an der Borsigstraße platzt quasi aus allen Nähten. Nie zuvor registrierte die Drogenberatung mehr Konsumvorgänge in den dafür vorgehaltenen Räumen als im vergangenen März. Hatten die Betreiber des DHZ im März 2015 noch 754 Vorgänge registriert, so stieg die Zahl im März 2016 auf 1.405 Vorgänge und verdoppelte sich im vergangenen Monat nochmals auf 2.953. 90 bis 200 pro Tag. "So viele Klienten haben noch nie in einem Monat unsere Drogenkonsumräume genutzt", sagt Michael Wiese, Geschäftsführer der Drogenberatung Bielefeld. Zwar habe es zum 1. Januar 2016 eine Gesetzesänderung gegeben, die seitdem auch Methadon-Substitutierten, die nebenbei andere Drogen nehmen, die Nutzung der Konsumräume an der Borsigstraße erlaubte. Erwartungsgemäß stieg die Zahl der Nutzer im vergangenen Jahr an - von 1.183 im Januar 2016 auf 2.132 im Dezember. Aber das allein kann den Anstieg nicht erklären: 366 verschiedene Bielefelder nutzten 2016 die Konsumräume, der Anteil der Substituierten lag dabei bei 57 Prozent. Aber auch im neuen Jahr stoppte der Andrang nicht: "Wir haben erwartet, dass sich das neue Angebot nach zwölf Monaten etabliert hat. Mit so einer Entwicklung haben wir aber nicht einmal ansatzweise gerechnet", sagt Wiese. Nun befürchten die Experten, dass es zu voll wird: "Die Konsumenten haben teilweise sogar Wartezeiten. Das ist nicht gut." Der Suchtdruck sorgt für Unmut, außerdem könnten die Klienten wieder abwandern. Das, was die Konsumräume verhindern sollten, nämlich Abhängige und Fixerbesteck im Gebüsch in der Nachbarschaft, wären die Folge. Deshalb denkt Wiese bereits über einen erneuten Ausbau an der Borsigstraße nach. "Wenn die Zahlen weiter so nach oben schießen, müssen wir mit der Stadt eine Lösung finden - auch auf personeller Ebene." Neben den Konsumräumen bietet das DHZ auch eine Beratung der Klienten (Entgiftung, Entschuldung), eine drogentherapeutische Ambulanz, eine Substitutionspraxis (Methadon-Ausgabe) sowie Spritzentausch an. Michael Wiese freut sich natürlich, dass das Angebot an der Borsigstraße so gut ankommt. "Schließlich liegt das DHZ etwas abseits. Die Abhängigen kommen also nicht zufällig vorbei." Ein zweiter positiver Aspekt sei das tägliche gesunde Essen, das dort von den Mitarbeitern gekocht und ausgegeben wird: 80 warme Mahlzeiten pro Tag. "Das kommt gut an", sagt Wiese. Während im Zusammenhang der Situation an der Tüte über den Anstieg der verschiedenen Randgruppen nur gemutmaßt werden kann (die NW berichtete), sind die Zahlen aus dem DHZ klar belegbar: Die Szene nimmt die Angebote immer stärker an. Deshalb hat die Drogenberatung gestern an der August-Schröder-Straße ein zweites, höherschwelliges Angebot - eine Abhängigenpraxis - eingerichtet: "Sie ist für diejenigen gedacht, die sich von der Szene entfernen wollen und für die ein Wiedersehen an der Borsigstraße nicht wünschenswert ist", erklärt Wiese.

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