Hält die Spannung aufrecht: Ingolf Lück gastierte mit dem Stück „Seite eins“ im TAM. Foto: Barbara Franke - © Barbara Franke
Hält die Spannung aufrecht: Ingolf Lück gastierte mit dem Stück „Seite eins“ im TAM. Foto: Barbara Franke | © Barbara Franke

Bielefeld Ingolf Lück übt deftige Kritik am aktuellen Journalismus

In dem Stück „Seite Eins“ zeigt der Comedian, wohin die Sensationsgier führen kann

Andreas Klatt

Bielefeld. Wenn in der Nacht die Druckerpresse anspringt, wird Wirklichkeit produziert. Was auf die Titelseiten der Presse gelangt, soll den Pegelstand der Weltlage abbilden. Denn das angelsächsische Journalismusverständnis war leitend, als die deutsche Medienlandschaft nach dem Zweiten Weltkrieg ein neues Gesicht erhielt mit dem Ziel, durch sachliche Informationen demokratische Debatten zu ermöglichen. Neben diese aufklärerische Funktion traten alsbald wieder die Unterhaltung und die Boulevardblätter. Dass die öffentliche Meinung sogar einen Bundespräsidenten aus dem Amt treiben kann, zeigte die Affäre um Christian Wulff im Jahre 2012. Eine ungeheure Macht hinter verschlossenen Türen, die viel Raum für Spekulationen lässt: Welche psychologischen Mechanismen greifen im System Boulevardjournalismus, wenn etwas zu einem Skandal hochstilisiert wird? Wenn aus Kalkül ein „Promi“ den immergleichen Tanzschritten folgend in die Ecke gedrängt wird, weil er sich auf das gefährliche Spiel mit Zuckerbrot und Peitsche einlässt? Fast wird schon ein faustischer Pakt beschworen, wenn jemand der becircenden Verlockung erliegt und dem Journalisten sein Vertrauen schenkt. Nur um dann feststellen zu müssen, reingelegt worden zu sein. Natürlich ging es um die Story, die bewährte Ingredienzien neu anrührt.Der Geifer hat ihn unvorsichtig werden lassen In dem Ein-Personen-Stück „Seite Eins“ von Johannes Kram schlüpfte der aus Bielefeld stammende Ingolf Lück am Samstagabend im Theater am Alten Mark in die Paraderolle des großkotzigen, selbstgerechten Medienekels Marco. Sein Sympathiegrad zu Beginn des Stückes bewegt sich irgendwo zwischen Aktienhai und Lobbyist, wenn er die seriösen Medien als Realitätenverdreher abkanzelt und sich über die hehre Aufgabe des Boulevards in Rage schwafelt, die Welt so zu zeigen, wie sie wirklich ist. Dass er sich mit dieser kruden Rechtfertigung selbst in die Tasche lügt, demonstriert er einen Augenblick später, als ihn die aufstrebende Sängerin Lea anruft mit der Bitte, ihr neues Album vorzustellen. Er könne ja schreiben, dass sie die Inspiration für ihre Lieder bei Spaziergängen am Meer schöpfe. Marco beherrscht die durchtriebene Kunst des strategischen Bauchpinselns bis zur Perfektion. Er möchte die Offenbarungsstory über Lea und ihren Freund, einen reichen Industrieerben. „Liebe, Geld, Macht, Vaterland – diese Geschichte hat alles“, schwärmt er hinter Leas Rücken. Schade nur, dass die Wahrheit sie nicht hergibt. Egal, er nimmt sie sich trotzdem. Walzt die mageren Häppchen, die er in Erfahrung bringen konnte, spitzfindig aus. Und muss dann miterleben, wie die Realität knallhart zurückschlägt: Der Geifer hat ihn unvorsichtig werden lassen, er hat nicht sauber recherchiert und den Mann einer Familiendynastie zugeordnet, mit der dieser nichts zu tun hat. „Maximal fünf Sekunden schaut sich der Durchschnittsmensch heute das Gleiche an, ohne dass ihm langweilig wird“, sagt Marco zu Beginn des Stückes. Eine Spanne, der er selbst erliegt, als die besudelte Familie mit einer Klage und Lea mit einem Talkshow-Auftritt droht, um öffentlich auszuplaudern, mit welchen Tricks Marco sie in Telefongesprächen eingewickelt hat. Das Smartphone, es ist das einzige Requisit, das das Stück benötigt, um minuziös nachzuzeichnen, wie die Gier nach halbseidenen Nachrichtenfaktoren einen Journalisten korrumpiert, der einmal angetreten sein mag, um sich für das Wahre einzusetzen. Und dann erfahren musste, dass auch Nachrichten zur Ware schrumpfen, wenn ein System dem Menschen seine Moral abknöpft. Ingolf Lück taucht tief in seine Figur Marco ein. Mit vielen Tempowechseln und einer beeindruckend konzentrierten Leistung hält er die Spannung in jeder Sekunde aufrecht: Sein Marco ist ein guter Ausgangspunkt für eine Debatte, wie wir uns gehaltvollen Journalismus eigentlich wünschen.

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