Virtueller Mitbewohner: Eine Bewohnerin eines Betheler Altenzentrums in Bielefeld testet den ungewöhnlichen Assistenten auf dem Bildschirm. - © epd
Virtueller Mitbewohner: Eine Bewohnerin eines Betheler Altenzentrums in Bielefeld testet den ungewöhnlichen Assistenten auf dem Bildschirm. | © epd

Bielefeld Bielefelder Wissenschaftler entwickeln virtuelle Hilfe für Senioren

Der digitale Assistent Billie hilft Menschen mit Einschränkungen

Bielefeld. Billies braune Augen schauen freundlich unter seinem Pony hervor, Sommersprossen umgeben die Nase, und der Mund ist schön geschwungen. Im Umgang mit anderen ist er stets höflich, lässt sie aussprechen, fragt noch mal nach und entschuldigt sich, wenn er etwas missverstanden hat. Doch Billie ist kein Mensch, sondern ein Avatar - eine künstliche Person im Internet.

Die Entwicklung von Billie ist Teil des regionalen Innovationsclusters "KogniHome". Geleitet wird das Projekt von dem Exzellenzcluster der Universität Bielefeld (CITEC). Unterstützt werden die Wissenschaftler dabei unter anderem von den v. Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel und dieser Zeitung.

Als digitaler Assistent könnte Billie künftig Menschen mit Einschränkungen durch den Alltag helfen. Das multifunktionale Programm soll Senioren und Menschen mit Behinderungen dabei unterstützen, länger selbstständig zu leben, wie Informatiker Stefan Kopp erklärt, der eine Arbeitsgruppe am CITEC für Mensch-Maschine-Kommunikation leitet. In ihrer Wohnung können künftige Nutzer über Bildschirm und Sprachfunktion mit Billie in Verbindung stehen. Sie besprechen mit dem "virtuellen Mitbewohner" den Tagesablauf. Er überträgt die Termine in einen Kalender und erinnert daran. Billie soll auch zu Freizeitaktivitäten animieren.

Chance auf mehr soziale Teilhabe

"Die neuen Technologien bieten Menschen mit Unterstützungsbedarf auch die Chance auf mehr soziale Teilhabe", sagt die Betheler Projektleiterin Sonja Friedhof. Voraussetzung dafür sei ein einfach gestaltetes System. Menschen, die nur eingeschränkt einen Computer bedienen können, müsse die Angst davor genommen werden. Zudem müsse das System bezahlbar sein. "Viele Menschen mit Behinderungen sind vom Internet ausgeschlossen, weil das Geld der Eingliederungshilfe kaum reicht", sagt Friedhof.

Bei der Entwicklung des virtuellen Assistenten Billie werden künftige Nutzer mit eingebunden. In einer ersten Studie wurde getestet, wie ein Avatar auf Bewohner eines Altenzentrums und behinderte Menschen wirkt. "Sie akzeptierten ihn als freundliches Gegenüber, mit dem sie auch mal Small Talk führen oder sich ausführlich über den anstehenden Arztbesuch austauschen wollten", erzählt Kopp.

Das sprachgestützte System arbeite in kleinen Schritten mit verständlichen Fragen und Ja- und Nein-Antworten. Billie solle helfen, aber auf keinen Fall menschliche Zuwendung ersetzen, erklärt Friedhof. Mit Blick auf den drohenden Pflegenotstand könne der virtuelle Assistent die Mitarbeiter aber in der Dokumentation entlasten. Im nächsten Schritt soll Billie sensibler werden: "Er soll Körpersprache und Mimik verstehen lernen, das heißt Anzeichen von Müdigkeit oder Verwirrung erkennen und reagieren", erklärt Kopp. Denkbar sei ein Notrufsystem, über das Billie bei Bedarf einen Arzt rufen kann, oder eine Videofunktion, um eine Skype-Verbindung zu Angehörigen herzustellen. Ziel ist es, Billie so zu konstruieren, dass er auf Zuruf reagiert.

Fertig ist Billie aber noch nicht. Im Herbst startet in Bielefeld-Bethel eine neue Feldstudie. Dabei wird die Kommunikation zwischen Pflegepersonal und Bewohnern analysiert. Ende 2016 soll das System so weit entwickelt sein, dass Billie bei drei Versuchspersonen zur Probe einziehen kann.

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