Sechs Experten fürs Englische: Dila (10), Mark (9), Eric (9, mit Buch), Jérôme (10), Ashley (11) und Luisa (10), von links. Sie haben das Finale des Vorlesewettbewerbs an der Diesterwegschule erreicht. Jérôme gewann den kleinen Wettbewerb. - © Foto: Christian Weische
Sechs Experten fürs Englische: Dila (10), Mark (9), Eric (9, mit Buch), Jérôme (10), Ashley (11) und Luisa (10), von links. Sie haben das Finale des Vorlesewettbewerbs an der Diesterwegschule erreicht. Jérôme gewann den kleinen Wettbewerb. | © Foto: Christian Weische

Bielefeld Bilinguales Lernen an der Diesterwegschule

Kurt Ehmke

Bielefeld. Es begann vor fast vier Jahren mit 28 Kindern, ab August sind es 212. Sie sind ostwestfalenweit noch immer einzigartig: An der Diesterweggrundschule haben sie vom ersten Tag an bilingualen Unterricht. Es gibt etwa dreimal mehr Englisch-Unterricht als üblich und dazu mindestens zwei Fächer, die nur auf Englisch unterrichtet werden; idealerweise von Pädagogen, die Englisch als Muttersprache haben. Ein Erfolgsmodell - aber ohne Nachahmer. Noch. Sport, Musik, Kunst und auch manchmal Sachkunde - hier sprechen die Kinder Englisch. Und sie hören alles auf Englisch. Experten sprechen vom Lernen im Sprachbad - "das ist aber ein aktives Baden", betont Nathan Devos von der Uni Bielefeld. Uni-Dozentin Julia Reckermann lehrt Englisch-Fachdidaktik, sie begleitet das Projekt. Ihr Fazit: "Die Kinder sind am Ende der Grundschulzeit beim Hörverstehen und beim Lesen erheblich weiter - und auch beim Sprechen und Schreiben spürbar weiter." Die Idee, die vor vier Jahren Schulleiterin Martina Schmidt hatte, kam im Kollegium und in Detmold gut an. Doch es gibt erhebliche Hürden. So ergibt der bilinguale Unterricht nur Sinn, wenn Muttersprachler oder Pädagogen mit Auslandserfahrung unterrichten - die alleinige Ausbildung zum Englischlehrer reicht nicht, so Schmidt. Und das ist ein Problem: "Es fehlen diese Lehrer und noch stärker fehlen gute Unterrichtsmaterialien", sagt Reckermann. "Es ist eine Ressourcenfrage." Das sei der Grund, warum keine andere Grundschule nachziehe. "Es erfordert aber auch sehr, sehr viel Eigeninitiative." Hinzu kommt, dass auch der Lehrerschlüssel verbessert werden muss, "dieses Schuljahr liegt die Diesterwegschule etwa eine Stelle über normal", sagt Schulrätin Gitta Trachte. Der Gewinn aber sei riesig, ist sich Schulleiterin Schmidt sicher: "Es ist wunderbar zu erleben, wie prächtig sich die Kinder entwickeln und wie groß sie in dieser Sprache werden." Expertin Reckermann: "Das Fachwissen in den anderen Fächern leidet nachweislich nicht unter dem bilingualen Ansatz." Jessica Wiehe hat als Lehrerin den Start in das Modell gewagt, sie sagt: "Es gab anfangs durchaus viele kritische Kommentare, aber es ist wirklich gut gelaufen - zwar gibt es auch noch Hemmschwellen, aber das ist normal." Langsam sprechen müsse niemand, wenn er die Kinder auf Englisch anspreche. Bei der Bezirksregierung in Detmold schaut Gertrud Pannek sehr genau auf die Diesterwegschule - und die benachbarten Gymnasien. Pannek geht es auch um Anschlüsse. Kommen die kleinen Englisch-Asse in die fünfte Klasse, droht gähnende Langeweile - ein Killer für jedes Lernen. "Wir hatten gehofft, dass die Abgänger sich an einer Schule konzentrieren, das aber ist leider nicht so." Drei benachbarte Gymnasien nehmen jeweils etwa ein Drittel der Kinder auf. "Mit dem Ceci bin ich im Gespräch darüber, dass wir ein Modell erarbeiten, das die Kinder weiter fordert", sagt Pannek. Reckermann ist optimistisch, dass mittelfristig auch andere Grundschulen nachziehen können, "in der Lehrerausbildung erleben wir motivierte und interessierte Kräfte". Doch alles brauche Zeit - und Geld. Pannek: "Ich halte das für ein Zukunftsmodell, es hängt aber auch viel von den Anschlüssen ab." Elitär darf es jedenfalls nicht werden, sagt Schmidt: "Das sind meist Kinder aus unserem Einzugsgebiet - aber natürlich auch einige von außerhalb aus bildungsorientierten Haushalten." Unterstützt wurde die Schule von der Familie-Osthushenrich-Stiftung - mit 3.800 Euro für die ersten vier Jahre; Geld für Unterrichtsmaterialien. "Das können wir uns noch ein weiteres Mal so vorstellen", sagt Geschäftsführer Burghard Lehmann. KOMMENTAR von Kurt Ehmke Offener Ganztag, Englisch in der Primarstufe, Inklusion – für die Grundschulen reiht sich seit Jahren Aufgabe an Aufgabe. Auf einigen Baustellen ist eine gewisse Ruhe eingekehrt, auf anderen wird noch immer um Ansätze und Wege gerungen, allen voran bei der Inklusion. Dass die englische Sprache in die Grundschulen eingezogen ist, war ohne jeden Zweifel richtig. Wer einmal erlebt hat, wie spielerisch und entspannt sich Kinder der neuen Sprache nähern, weiß, dass Kinder zwischen sechs und zehn Jahren wunderbar locker Englisch lernen können. Insofern ist es nur konsequent, auf bilinguale Modelle zu setzen: Denn wer in seinem Leben über OWL und vielleicht sogar Nordrhein-Westfalen hinauskommen will, braucht gute Englischkenntnisse. Doch es fehlen Lehrer, Gelder, Arbeitsmaterialien. In sie zu investieren wäre ohne Zweifel gut angelegtes Geld. Wir haben immer weniger Kinder – und die paar, die wir noch hinbekommen, sollten möglichst perfekte Chancen auf Bildung haben.

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