Frauen unter sich: Nicole Tiesler misst den Brustumfang einer Besucherin der Dessousparty, um für sie das passende Modell zu finden. - © Melanie Wigger
Frauen unter sich: Nicole Tiesler misst den Brustumfang einer Besucherin der Dessousparty, um für sie das passende Modell zu finden. | © Melanie Wigger

Bielefeld Reportage: Zu Gast auf einer Dessous-Party in Bielefeld

Geschäftsidee: In Wohnzimmern verkauft eine junge Frau Damenwäsche in geladener Runde. Eine NW-Redakteurin war dabei

Melanie Wigger

Bielefeld. Die Gastgeberin empfängt mich mit einer Umarmung. Wir kennen uns nicht und trotzdem werde ich im Laufe des Abends in ihrer Wohnung die Hüllen fallen lassen. So wie zehn andere Frauen auch. Sie führt mich in ihr Wohnzimmer, in dem zwei Kleiderstangen mit Hunderten von BHs hängen, dazu passende Unterteile, Corsagen, Figurformer . . . Alles werde ich auf keinen Fall anprobieren können – brauche ich auch nicht, versichert Nicole Tiesler, der ich diese Auswahl verdanke. Die Gütersloherin, die ihre Ware in Privaträumen auf ihren Dessouspartys präsentiert, erklärt: „Maximal fünf BHs werden angezogen, dann hat man den perfekten Schnitt für sich." Farbe und Designs seien austauschbar. Eine intime Situation Das ist nicht das Einzige, was ich und die anderen Gäste im Laufe des Abends lernen. Wir sind allesamt Dessousparty-Neulinge und beschnuppern uns erst einmal via Smalltalk, während Tiesler aufbaut: Ein Ständer mit Bademode gesellt sich noch dazu. Ein Stapel Kataloge zeigt, was noch lieferbar ist. Für Geselligkeit und den kleinen Hunger hat hingegen die Gastgeberin gesorgt. Auch sie kennt nur ein paar der Frauen, die zum Teil Freundinnen mitgebracht haben, um sich die Vorzüge der Unterwäsche vorführen zu lassen und im Anschluss vielleicht etwas zu bestellen. „Irgendwie wie Tupper", sage ich. Die Beraterin bejaht: „Ich sage immer: eine Tupperparty in intim." Deshalb finde sie es besser zu duzen. „Denn wir gehen eine intime Situation ein. Ich sehe dich eventuell ein bisschen nackt." Umgekehrt hat die Verkäuferin aber auch keine Scheu sich zu präsentieren. Ganz selbstverständlich hält der BH, den sie selbst trägt, im Laufe des Abends für ein paar Sekunden als Anschauungsobjekt her. Ankleidepuppe Susi An den prallen Plastikkurven der Ankleidepuppe Susi macht Tiesler vor, wie man einen BH richtig trägt und worauf man bei der Auswahl achten müsse. Wie schwer das fällt, äußert eine der Frauen: „Ich hasse es, Unterwäsche zu kaufen. Und ich habe auch mal gehört, dass die meisten Frauen die falsche Größe tragen." Der klassische Fehler: ein zu weites Unterbrustband. Das soll eigentlich 80 Prozent des Gewichts tragen, erklärt Tiesler. Liegt es nicht eng genug an, lastet durch die Träger das Hauptgewicht auf den Schultern. Vor allem große Brüste rutschen dabei schnell unten ein Stückchen heraus. Der BH wirkt dann optisch zu klein, obwohl das Gegenteil der Auslöser ist. Trotzdem bevorzugen viele diesen Fehlkauf, um zu vermeiden, dass sich der Busen an den Seiten der Körbchen herausdrückt, erzählt die Verkäuferin. Gegen diese „Quarktaschen" würden andere Schnitte helfen. Welche Modelle besonders gefragt sind, erfahren wir in einer kurzen Einführung. Der Super-Push für zwei Cup-Größen mehr ist der Bestseller in der Kollektion mit Preisen zwischen 45 und 69 Euro. Wenn es nach den Männern geht – die bei der Pärchenvariante der Dessousparty dabei sein dürfen, liegt der BH aus elastischer Spitze vorn. 65A bis 115K Nach der Einführung geht es zur Anprobe in einen Nebenraum – jenseits der Damenrunde, die sich nun alleine unterhalten muss. Gegenseitiges Vorführen komme laut Tiesler manchmal vor, bleibt an diesem Abend aber aus. Meine Größe rät Tiesler mit einem Blick richtig aus und fischt ein Modell aus ihrem Fundus mit Größen von 65A bis 115K heraus. Sie hilft mir diskret beim Hineinschlüpfen. Dreimal umziehen und schon weiß ich, was ich will. Ich bin nicht die Einzige, die fündig wird. Die Runde, die beim Warten auf die Anprobe untereinander plaudert, wirkt zufrieden. Eine Frau erzählt, dass sie eine Freundin mitnehmen wollte. Doch beim Stichwort „Dessousparty" erwiderte diese: „Ne, das ist nichts für mich." Keine ungewohnte Reaktion für Tiesler, die mehrfach betont, dass sich keiner „nackig" machen muss: „Viele verbinden das mit Sexshop-Ware." Gerade diese hat sie nicht in ihrem Sortiment. „Ich sag dann immer, dass Dessous nichts anderes als Unterwäsche bedeutet. Es ist nur ein schöneres Wort."

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