Bielefeld Bielefelder Buchhändler setzt von nun an auf eine neue EU-Partei

Politik: Hartwig Bögeholz ist seit einigen Wochen Mitglied der transnationalen Bewegung „Volt“. Der 65-Jährige ist fasziniert vom Enthusiasmus ihrer jungen Mitglieder

Ingo Kalischek

Bielefeld-Jöllenbeck. Trump und Brexit gaben ihm den Rest. Und enttäuscht war Hartwig Bögeholz ohnehin seit Jahren – von den deutschen Parteien, der deutschen Arroganz in der EU und den vielen Nörglern in der Bevölkerung. Wer bringt neuen Schwung für Europa? Und wer will die europäische Politik wirklich verändern? Auf der Suche nach einer Antwort wurde Bögeholz schließlich im Internet fündig: bei der transnationalen Bewegung „Volt" – einem Zusammenschluss junger Menschen aus knapp 20 europäischen Ländern. „Ein paar junge Leute machen genau das, wovon ich ein Leben lang geträumt habe", sagt Bögeholz über die aktuell rund 700 Mitglieder der pro-europäischen Bewegung. Sie setzten sich zielstrebig für eine bessere europäische Zusammenarbeit ein, diskutierten ergebnisoffen, konstruktiv, realistisch und mit vollem Elan. Tugenden, die er seit Jahren in der deutschen Politik vermisse: Die FDP sei zu einer „Marketing-One-Man-Show" verkommen, die SPD wisse schon lange nicht mehr, wer sie eigentlich sei, die CDU werde zu einer Karikatur der Konservativen – und die Grünen schwirrten ohne wirkliches Kernthema durch die Lüfte. Zudem halte das deutsche Selbstbild als Inbegriff der EU-Zusammenarbeit der Wirklichkeit nicht Stand. Europäischer Zusammenhalt auf Augenhöhe sehe anders aus. Keine europäische Bewegung hatte ihn zuvor überzeugt Konkret: „Eine Partei mit voller Überzeugung hätte ich selber gründen müssen", sagt der 65-Jährige. Über unzählige europäische Bewegungen hatte er sich in den vergangenen Jahren informiert; keine hatte ihn wirklich überzeugt. Über Umwege entdeckte der Jöllenbecker Buchhändler auf Facebook die Homepage von „Volt". Er verfolgte per Livestream eine ihrer Konferenzen – und war angetan. „Diese jungen Menschen haben in kurzer Zeit unglaublich viele relevante Themen angesprochen und Antworten geliefert", zeigte sich Bögeholz beeindruckt. Jugendarbeitslosigkeit, soziale Gleichberechtigung, digitale Möglichkeiten, Bürgerbeteiligungen, europäische Zusammenarbeit. Er nahm Kontakt auf, verfolgte die Bewegung eine Weile weiter im Internet und suchte dann „nach einer lebhaften Erfahrung". Also reiste er zu einer „Volt"-Konferenz nach Bukarest. Dort stellte er sich vor – inmitten junger Menschen. „Ich bin der Alte bei ihnen", sagt er mit einem Lächeln. Denn die meisten Mitglieder seien zwischen 18 und 35 Jahre alt. Doch für eine erfolgreiche Bewegung bedürfe es eben auch ein paar älterer Semester in den Reihen. Deshalb sei Bögeholz herzlich willkommen. „Ich will dem Enthusiasmus durch Erfahrung lediglich ein paar Impulse geben – ohne altklug zu wirken", sagt der Bielefelder. Das europäische Dach ist in Luxemburg registriert Die Konferenz überzeugte ihn. In Dortmund traf er sich am Dienstag mit Gleichgesinnten, im März fährt er zur Gründungsversammlung nach Hamburg. Denn aktuell ist „Volt" nicht mehr als eine Bewegung. Das europäische Dach ist in Luxemburg registriert. Bis zum Status einer Partei müssten aber noch Hürden genommen werden. Ziel sei es, spätestens 2024 an der Europawahl teilzunehmen. „Viele Menschen jammern über auflodernden Nationalismus, aber sie kriegen den Hintern nicht hoch", sagt er. So seien beispielsweise die Auftritte der Initiative „Pulse of Europe" im Kern eine gute Sache. „Aber sie sind auf den Charakter des öffentlichen Statements begrenzt." Die junge Bewegung „Volt" jedoch wolle gestalten – und mit ihr der Bielelder Buchhändler Hartwig Bögeholz: „Das ist das erfolgversprechendste Modell für Europa, was mir bislang unter die Augen gekommen ist."

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