Lebt seit mehr als 50 Jahren hier in der Kolchose: Manfred Brombach – der sich vor Ort kümmert und so etwas wie die gute Seele der kleinen Siedlung ist. - © Kurt Ehmke
Lebt seit mehr als 50 Jahren hier in der Kolchose: Manfred Brombach – der sich vor Ort kümmert und so etwas wie die gute Seele der kleinen Siedlung ist. | © Kurt Ehmke

Heepen Skurrile Ortsnamen: Die "Kolchose" in Heepen

Fast vergessen (20): Der Verlag der Tageszeitung Freie Presse bot ab 1964 seinen Mitarbeitern auch eigene Wohnungen an - in Heepen

Joachim Wibbing

Heepen. Große Firmen hielten sich zugute, dass sie für ihre Beschäftigten Wohnraum anboten. So betrieb auch die Zeitung Freie Presse aus Bielefeld in den 1950er Jahren Wohnungsbau für ihre Mitarbeiter. Die freie Presse Die Freie Presse war eine regionale Tageszeitung für Ostwestfalen-Lippe. Sie ging aus der Volkswacht hervor, die 1890 in Bielefeld von der sozialdemokratischen Arbeiterbewegung gegründet wurde. Einer ihrer Redakteure war von 1912 bis 1919 der spätere preußische und Reichsinnenminister Carl Severing. Nach dem Krieg erhielt der SPD-Politiker Emil Groß von der englischen Besatzung die Lizenz zur Herausgabe der Freien Presse. Er war bereits im Exil in Amsterdam Mitherausgeber der Zeitung Freie Presse - Wochenblatt für geistige und politische Freiheit. Die Zeitung existierte nur rund sechs Monate. Am 3. April 1946 erschien die Freie Presse in Bielefeld erstmals, erneut mit Carl Severing als Redakteur und Herausgeber. 1967 fusionierte sie mit der Westfälischen Zeitung zur Neuen Westfälischen. Soziale Arbeitsbedingungen Die Begriffe Demokratie, Sozialismus und Völkerfriede kennzeichnen die Grundhaltung der SPD-Zeitung Freie Presse bei ihrer Gründung 1946, formuliert von Carl Severing. Dazu kommen als Forderungen Aufklärung, Bildung und Gleichberechtigung, die schon die Volkswacht 1890 als Vorgängerin aufgestellt hatte. "Die Geschäftsleitung wird von sich aus alles tun, um die Arbeitsverhältnisse für die Belegschaft fortschrittlich zu gestalten", steht etwa in der Arbeitsordnung der Presse-Druck GmbH von 1951, die die Freie Presse herstellte, die im Schwesterunternehmen Phönix-Verlag erschien. Die soziale Einstellung von Verlag und Druckerei spiegelt sich darin wider, dass Beschäftigte bezahlte Freizeit erhielten unter anderem beim Arztbesuch, bei der eigenen Hochzeit (drei Tage), bei schweren Erkrankungen in der Familie, bei der Entbindung der Ehefrau, bei Todesfällen, Umzug oder bei der Wahrnehmung öffentlicher Ehrenämter und staatsbürgerlicher Pflichten. Mitarbeiterinnen mit eigenem Haushalt hatten Anspruch auf monatlich einen bezahlten Hausarbeitstag ("Waschtag"). Außerdem gab es Heiratsbeihilfen und Sterbegeld. Als erste Tageszeitung in Deutschland führte die Freie Presse 1956 die Fünf-Tage-Woche mit 40 Arbeitsstunden bei vollem Lohnausgleich ein. Bislang waren 48 Arbeitsstunden je Woche üblich. Die "Kolchose" Am Montag, 5. April 1954, fand das Richtfest der drei ersten der insgesamt fünf Häuser statt. Sie stehen am heutigen Meyer-zu-Heepen-Weg und der Schwarzwald- und Spessartstraße. Der damalige FP-Lokalchef Ernst Langenberg formulierte es so: "Auf einem Nebenweg der Chaussee von Heepen nach Oldentrup ragt kurz vor dem Gütkrug über drei schmucken Neubauten das heile Gebälk der Dachzimmerung. Über diesen Sparren stieg am Samstagmittag, dem 3. April 1954, eine grüne Richtkrone stolz empor." Otto Tönsgöke, Geschäftsführer des Verlages Phönix und der Freie-Presse-Wohnungsbau GmbH, sprach von der Bedeutung des Augenblicks, dass die Freie Presse erstmalig neben ihrer eigentlichen Tätigkeit nun Zeit gefunden habe, auch etwas für die Unterbringung der bei ihr Beschäftigten zu unternehmen. Weiter hieß es: "Die drei Bauten, die aus Schwemmstein-Großsteinen gefügt worden waren, lassen jetzt erkennen, dass sie ihren künftigen Bewohnern eine schöne Bleibe bieten werden. Verlagsleiter Emil Groß gab seiner Absicht Ausdruck, zwischen den Bauten eine schöne Gartenanlage zu schaffen." Bei Beschäftigten aus Verlag, Redaktion und Technik bildete sich der Name "Kolchose" für die Siedlung, offensichtlich, weil in der Siedlung Mitarbeiter aus allen Unternehmensbereichen in identischen Wohnungen (53 Quadratmeter Fläche, drei Zimmer, Küche, Bad, Diele, Kellerraum mit Trockenboden- und Waschküchennutzung) lebten. Die Miete betrug 52 Mark monatlich. Die Dachwohnungen (zunächst jeweils eine pro Haus) hatten eine Fläche von 42 Quadratmetern. "Bei der Modernisierung der Häuser wurden die Trockenböden dann ebenfalls zu Dachwohnungen ausgebaut", erinnert sich Manfred Brombach, lange Jahre Betriebsratsvorsitzender der NW-Druckerei Küster+Presse-Druck und gelernter Stereotypeur, der seit 53 Jahren dort wohnt und sich um die kleinen und größeren Sorgen der Mieter kümmert. Brombach: "Der alte Begriff Kolchose verblasst allmählich, seit auch Betriebsfremde die Wohnungen mieten können."

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