„Cello for four“: So nennen sich die Preisträger, die die Vernissage begleiteten – v. l., Odilia, Charlotte, Sekundarschülerin Lotte und Pia. - © Andreas Fruecht
„Cello for four“: So nennen sich die Preisträger, die die Vernissage begleiteten – v. l., Odilia, Charlotte, Sekundarschülerin Lotte und Pia. | © Andreas Fruecht

Bielefeld Aufregung um Fotoausstellung über die Sekundarschule

„Gesichter der Sekundarschule“: Bis zum 12. Februar zeigt das Aktionsbündnis 89 Fotos von Schülern, die vom Aus der Schule betroffen wären. In Bethel gibt es erhebliche Irritationen

Kurt Ehmke

Mitte/Gadderbaum. Es ist eigentlich nur eine Fotoausstellung – eine, in der das umtriebige „Bündnis Sekundarschule bleibt" fast 90 Fotos von Schülern der vom Aus bedrohten Sekundarschule Bethel ausstellt. Fotos, die zeigen sollen, dass hinter einer Schulschließung Menschen stehen. Fotos, die der Traurigkeit und Empörung der am stärksten Betroffenen ein Gesicht geben sollen. Doch nun ist aus der Ausstellung mehr geworden. In Bethel sind Führungskreise empört. Denn: Die Ausstellung in Berlin ist einerseits Teil des Bethel-Jubiläums (150 Jahre), andererseits aber auch Teil des parlamentarischen Gedenkens an die Euthanasie-Morde. Gezeigt werden in Berlin 50 Menschen mit Handicap, die heute in Bethel leben und arbeiten. Dass es Parallelen zur Bethel-Fotoausstellung „Wir sind viele" im Bundestag gibt, ist augenfällig und wird nicht bestritten, aber: „Letztlich ist unsere Ausstellung eine Ausstellung, die die Schule retten helfen soll", sagt die Sprecherin des Bündnisses, Antje Wörmann. Es gehe nicht einmal um richtigen Protest, sondern um die Erinnerung daran, dass die Schule noch immer nicht gerettet sei. Der Blick des Bündnisses habe sich niemals auf den Berliner Aspekt des parlamentarischen Gedenkens gerichtet, sondern, wenn überhaupt, auf das 150-Jahre-Jubiläum. Anfangs sollten 150 Gesichter gezeigt werden, später 50 – erneut eine kleine Parallele zu Berlin, räumt Wörmann ein. Doch schnell wurden daraus 89 Fotos – diese sind noch bis zum 12. Februar in der Altstädter Nicolaikirche zu sehen. Die Unruhe in Bethel soll erheblich sein. Von Verhöhnung der Nazi-Opfer ist die Rede, ein Fehlgriff sei die Ausstellung mit ihren Parallelen zur Bethel-Ausstellung in Berlin. Bethel-Ortschaftsreferent Fred Müller spricht auf Nachfrage über die Kritik; er, der als abwägend und unaufgeregt gilt, sagt: „Ich finde die Parallele nicht klug." Die Ausstellung in Berlin sei „sehr positiv besetzt", sie jetzt direkt oder indirekt mit in die Kritik am Sekundarschul-Aus zu nehmen, sei „unpassend". Er betont: „Man kann den Nazi-Hintergrund nicht einfach wegschlucken." Dafür sei der Hintergrund zu dramatisch. Während aus Bethel teilweise noch Schärferes zu hören ist, nutzt Müller zurückhaltend Vokabeln wie „unsensibel" und „nicht notwendig". Zu hören ist auch eine Irritation über den Ausstellungsort, die Nicolaikirche. Protestanten gegen Protestanten? Als Pfarrer Armin Piepenbrink-Rademacher von der Kritik aus Bethel hört, ist er spürbar sauer. „Ach du liebe Zeit, ob das angemessen ist, sollte jeder beurteilen, der in die Ausstellung geht – ich habe jedenfalls keine Bedenken, Fotos von Schülern zu zeigen, die von einer Schulschließung betroffen sind." Es stehe Protestanten übrigens gut zu Gesicht, die Pluralität der Meinung zu fördern. „Das ist evan-gelische Kultur und Stärke." Er stellt klar: „Diese Ausstellung gehört ohne Wenn und Aber in unsere Kirche – und beim Stichwort Euthanasie finde ich die Kritik aus Bethel an den Haaren herbeigezogen." Das sieht auch das Bündnis so, Wörmann: „Wir verwehren uns entschieden dagegen, mit so etwas überhaupt nur in Verbindung gebracht zu werden. Im Gegenteil, wir setzen uns ja für Inklusion und Bildungsgerechtigkeit ein." Bündnis: „Dagegen verwehren wir unssehr entschieden" Piepenbrink-Rademacher betont, es sei nicht die Gemeinde, die die Kirche öffne, sondern „die Stadtkirchenarbeit als offenes Forum". Es werde nun „viel zu scharf geschossen". Es gehe um Meinungsfreiheit – und die Ausstellung sei ein „sehr sanftes Mittel des Protestes". Fred Müller sieht das, wie weitere Bethel-Kräfte, anders. Er bleibt aber moderat, sagt: „Ich gehe zwar bewusst nicht zu Eröffnung, verstehe aber gut, dass das Bündnis auf der Zielgerade noch einmal auf sich und das Thema aufmerksam machen will." Genau das will das Bündnis – „das soll ein positiver Abschluss sein", sagt Wörmann mit Blick auf eine Einigung zwischen Stadt und Bethel, die in Kürze erwartet wird.

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