Sekundarschule Bethel soll geschlossen werden. - © Wolfgang Rudolf
Sekundarschule Bethel soll geschlossen werden. | © Wolfgang Rudolf

Bielefeld Bündnis ist vom Erhalt der Sekundarschule überzeugt

Interview: Petra Klatt, Antje Wörmann und Yorck Streitbörger kritisieren Bethel, fordern Engagement und sehen auch die Stadt in der Pflicht

Kurt Ehmke

Wie zuversichtlich sind Sie, dass im 2017 eingeschult wird an der Sekundarschule? Petra Klatt: Sehr zuversichtlich. Warum? Yorck Streitbörger: Selbst wenn sich Bethel dagegen entscheidet, werden die Stadt und Bethel einen Kompromiss finden müssen. Es kann nur darum gehen, dass die Schule offen bleibt. Antje Wörmann: Und das in Gadderbaum, in Bethel. Klatt: Am Brodhagen ist keine Alternative. Wieso nicht? Klatt: Der Schulweg ist ein Problem. Und der Bodelschwingh-Schulverbund ist attraktiver als jeder andere Standort, schon wegen seiner Durchlässigkeit – von der Sekundarschule zum Gymnasium, und andersherum. Wörmann: Hinzu kommt die Anbindung an das Berufskolleg und die Oberstufe. Bethel argumentiert jetzt konstant mit der nicht ausreichenden Finanzierung als Schulersatzträger und mit fehlenden zehn Millionen Euro für Gebäude. Sind das aus Ihrer Sicht die entscheidenden Punkte? Streitbörger: Bethel ist ein Wirtschaftsunternehmen, ich vermute, dass die Baukosten als Problem vorgeschoben sind und es vielmehr um laufende Kosten geht. Egal, was an Argumenten kommt, Bethel steuert immer leicht gegen, das macht misstrauisch. 2013 wurde die Schule mit großem Hurra gegründet, offenbar auf einem Bröckel-Fundament. Klatt: Für mich war das grob fahrlässig. Wörmann: So eine Verantwortung übernimmt man doch nicht einfach mal eben – und drei Jahre später kommt so etwas. Erst viel Brimborium, und dann das. Streitbörger: Die damals handelnden Personen haben sich einer sozialen Verantwortung gestellt, die heute handelnden Personen tun das nicht. Die Kosten sind eine Schutzbehauptung. Sie, Herr Streitbörger, haben die Kostenplanung für die Gebäude scharf kritisiert – und eigene Akzente angekündigt. Wo stehen Sie da? Streitbörger: Das zugesagte Assmann-Gutachten Bethels liegt uns noch immer nicht vollständig vor – und unser Architekt hat dennoch schon festgestellt, dass die Kosten überall am obersten Rand angesetzt sind. Eine genauere Stellungnahme kann ich aber noch nicht abgeben. Würden Sie drei als Stadt jetzt Bethel finanziell helfen? Wörmann: Wenn ich das Geld hätte, ja. Streitbörger: Es ist doch klar, dass die Kosten auf die Stadt so oder so zukommen. Da muss man sich – bei aller Verärgerung – fragen, warum man das Geld nicht in Bethel ausgibt, wo der Schulstandort funktioniert. Bewährtes zu erhalten ist meistens günstiger. Wörmann: Hier gibt es kein Imageproblem, hier steht die Elternschaft hinter der Schule. Klatt: Die Stadt sollte sich mit Bethel auf diesen Standort einigen, denn sie braucht diese Schulform. Streitbörger: Die Stadt könnte Träger werden, selbst Bethel sagt, dass das eine prüfbare Option sein könnte. Klatt: Aber ich vermisse den Willen bei Bethel, einen Weg zu finden. Wörmann: Die Sprachbarriere zwischen Bethel und der Stadt muss fallen, ich erwarte vernünftige Gespräche. Es geht ja auch um die Inklusion. Streitbörger: Es gibt acht I-Kinder pro Jahrgang, die können nicht alle einfach so zum Gymnasium gehen. Wörmann: Zielgleiches unterrichten geht nicht für alle I-Kinder am Gymnasium. Klatt: Und auch das G8-Abitur ist ein echtes Problem. Streitbörger: Und es ist inkonsequent, 2013 diese inklusive Schule zu gründen und jetzt so zu tun, als ob das alles ohne Probleme am Gymnasium zu leisten wäre. Bethel zieht sich auf die Position zurück, Kernaufgabe seien Schulen für Menschen mit Behinderung – und eben nicht eine Sekundarschule. Klatt: Bethel, das sind aber nicht nur Menschen mit Behinderung. Bethel ist auch eine Dorfgemeinschaft, Bethel hat Mitarbeiter und deren Kinder, Bethel ist Arbeitgeber. Die Fokussierung auf Kernaufgaben ist zu kurz gedacht. Wörmann: Außerdem ist die Sekundarschule die Bethelschule schlechthin – inklusiv und als einzige für alle Kinder da. Das ist doch gelebte Gemeinschaft. Klatt: Man kann doch nicht innerhalb von drei Jahren derart massiv umdenken. Streitbörger: Zudem gibt es im Umfeld zwar viele Gymnasien, aber keine Realschulen. Wörmann: Der Schulverbund ist einfach eine tolle Chance, die schlicht erhalten bleiben muss. Klatt: Er bietet Bildungsgerechtigkeit und Chancen für alle. Wörmann: Ich fände ja eine Gesamtschule am besten ... Streitbörger: ... aber da wären die Kosten dieselben. Würden Sie Bethel Schulnoten geben – für die Begriffe „Kommunikation", „Glaubwürdigkeit" und „Menschlichkeit"? Streitbörger: Eigentlich sehr gerne, aber wir sind ja noch im Gespräch mit Bethel, deshalb lassen wir das lieber. Welche Beschlüsse erwarten Sie in Kürze von Bethel, von der Stadt und von der Politik? Wörmann: Erst einmal muss das Bethel-Mantra weg – „schließen, schließen, schließen" – das ist zu wenig. Streitbörger: Wir erwarten echtes Bemühen um Lösungen zugunsten der Sekundarschule und der Kinder. Klatt: Ach, Bemühen ist im Arbeitszeugnis zu wenig – ich erwarte echtes Engagement. Und es ist schlicht irreführend im Zusammenhang mit der Schule vom Brodhagen zu sprechen. Das ist für die meisten keine Alternative und sollte unabhängig voneinander betrachtet werden. Beide Themen betreffen übrigens ganz Bielefeld, alle Eltern. Streitbörger: Plan A ist, dass es sich Bethel noch einmal anders überlegt. Plan B ist, dass die Stadt die Trägerschaft übernimmt und Bethel dann Entgegenkommen zeigt, zum Beispiel bei Mieten. Ich bin mir aber so oder so sicher: Die Sekundarschule bleibt.

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