Gut 1.000 Schüler, Eltern, Lehrer, Politiker und Bürger demonstrierten zunächst vor und später in der Bethel-Hauptverwaltung gegen das Aus der Sekundarschule. Im Gebäude skandierten sie extrem laut „Sekundar, Sekundar". - © Andreas Zobe
Gut 1.000 Schüler, Eltern, Lehrer, Politiker und Bürger demonstrierten zunächst vor und später in der Bethel-Hauptverwaltung gegen das Aus der Sekundarschule. Im Gebäude skandierten sie extrem laut „Sekundar, Sekundar". | © Andreas Zobe

Bielefeld 1.000 Menschen protestieren gegen Schließung der Sekundarschule Bethel

Hoch emotional: Eltern übergeben Bethelvorstand mehr als 7.200 Unterschriften - doch der bleibt hart

Kurt Ehmke

Bielefeld. Die Ruhe am Sitzungstisch dürfte dem Bethel-Vorstand am Dienstag paradiesisch vorgekommen sein. Vorher klingelten ihm die Ohren: Gut 1.000 Demonstranten, überwiegend Kinder, aber auch Eltern, Lehrer und Bürger, hatten vor und besonders in der Bethel-Hauptverwaltung mit ohrenbetäubendem Lärm gegen das Aus der Sekundarschule demonstriert. Der Vorstand nahm Tausende Unterschriften entgegen, äußerte sich aber gegenüber den Protestierenden nicht. Auf Anfrage der NW stellten aber sowohl Pastor Ulrich Pohl als auch Finanzvorstand Rainer Norden klar: Bethel bleibt bei seiner Haltung – zehn Millionen Euro fehlten, die Schule werde geschlossen. Beide kritisierten, dass Kinder für die Demo quasi instrumentalisiert worden seien. Norden zeigte sich von der Wucht der Demonstration „nicht überrascht; so läuft das eben, wenn man Kinder mobilisiert" – und Pohl sagte: „Es ist doch klar, dass so etwas dabei herauskommt, wenn Lehrer dazu aufrufen." Er sagte mit Blick auf das beschlossene Aus der Sekundarschule und die Proteste: „Wir halten das aus." Norden ergänzte jedoch: „Ich finde den Protest der Schüler aber nicht unsympathisch." Aufgerufen hatte übrigens die Schülervertretung der Bodelschwinghschulen. Lehrer waren in erhebliche Konflikte geraten. Und so gingen offenbar zwei Lehrer der Sekundarschule und des Gymnasiums mit zur Demo, an der Mamre-Patmos-Schule sogar offenbar größere Teile der Belegschaft – als „Unterrichtsgang". Andere Lehrer unterstützten vor Ort Eltern, die die Klassen für die Demo abholten und sie begleiteten. Wieder andere Lehrer, vor allem vom Gymnasium, so Eltern, versuchten, die Teilnahme der Kinder an der Demonstration zu verhindern. Es soll sogar zu Streitigkeiten gekommen sein. Fest steht: Es ist eine Grauzone, in der sich alle Beteiligten bewegten – von Kindern mit Entschuldigungsbriefen ihrer Eltern für den Protest, von angestellten über quasi verbeamtete Lehrern bis zu Eltern, die Klassen auf dem Weg begleiteten. Doch offenbar überwog bei Weitem das Bedürfnis, dem Protest gegen das völlig überraschende Schul-Aus Ausdruck zu verleihen. Claus-Peter Zimmer von der Bethel-Mitarbeitervertretung (MAV Schulen/Zionsgemeinde) sagte auf Anfrage: „Jeder geht hier sein persönliches Risiko ein, aber außer einer Abmahnung kann eigentlich nicht viel passieren." Zimmer: „Ich denke aber, der Vorstand wäre damit nicht gut beraten." Fakt sei aber: Wer demonstriere, verletze Dienstpflichten. Die MAV habe auf Nachfrage den Kollegen die rechtliche Situation erläutert. Er persönlich habe Verständnis für die Kollegen und den Protest. Aus Kreisen der MAV ist auch zu hören, dass es die Sorge gebe, dass auch Kitas bedroht sein könnten von Bethels Blick auf die Wirtschaftlichkeit. Bestätigt wird, dass bereits Sekundarschullehrer nicht mehr beschäftigt werden und es mehrere Anträge auf Freigabe gibt – von Lehrern, die Bethel verlassen wollen. Das kann Zimmer im Einzelfall nachvollziehen, bedauert es aber im großen Kontext: „Noch ist die Sekundarschule ja nicht geschlossen, noch gibt es ja Hoffnung." Auf diese setzen auch Eltern, Schüler, Lehrer: Sie applaudierten, als Oberstufenschülerin Paula geschliffen den Vorstand ansprach und die Übergabe von 3.049 Online-Unterschriften und 4.173 realen Unterschriften zum Erhalt kommentierte. Paula forderte: „Setzen Sie sich als Vorstand für uns ein." Damit der Vorstand das nicht vergesse, würden die Schüler ihm Hausaufgaben mitgeben in die Herbstferien. „Nehmen Sie das ernst, wir fragen das ab", sagte Paula, und ergänzte: „Wir und auch die Lehrer helfen gerne." Es gehe um eine „fächerübergreifende Gemeinschaftsarbeit im Team" – von Religion über Pädagogik bis zu Mathematik und Politik reiche der Fächerkanon. Alternative Konzepte zum Aus der Sekundarschule sollten erarbeitet „und dann mit anderen Gruppen wie Stadt, Lehrern und Schulleitungen reflektiert werden". Paula: „Vorsicht, das ist versetzungsrelevant." Generös gab sie noch Traubenzucker dazu, „das soll Ihnen helfen, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren". Lob für den „nicht ausufernden und zielgerichteten Prostest" gab es von Bezirksbürgermeisterin Hannelore Pfaff. Sie kritisierte: „Man lässt viele ganz normale Bethel-Mitarbeiter im Stich, wenn man diese Schule schließt." Kommentar Darf Bethel das? Jeder Ersatzschulträger darf eine Schule schließen. Das ist unstrittig. Das Geld muss eben reichen für das Angebot. Doch darf Bethel das – vor allem in dieser Weise und so kurz nach der Gründung der Schule? Rechtlich gesehen: Ja. Moralisch gesehen: Nein. Und an dieser Stelle wird für Bethel immer unangenehmer, was sich in Bethel, Gadderbaum, ja Bielefeld zusammenbraut. Die Stimmung nagt an Bethels Substanz – am guten Image. Einmal mehr. Es sind die eigenen Mitarbeiter, die in erheblicher Zahl finden, dass Bethel sich unangemessen verhält. Respektlos gegenüber Eltern und Kindern, gegenüber Stadt und Politik. Und so fliegen Bethel die eigenen schönen Sätze – Bibelzitate und Sprüche aus der PR-Abteilung – um die Ohren. Gemeinschaft verwirklichen verkommt beim Schließen einer inklusiven Sekundarschule zur hohlen Phrase. Mitwirken verändert war Titel und Ziel einer Tagung 2015. Was mögen die Teilnehmer jetzt denken? Ein weiterer werbewirksamer Slogan ist Menschlich Bethel. Auch an diesem zweifeln eigene Mitarbeiter. Deshalb ist der Vorstand gefordert, sich kurz vor dem großen Jubiläumsjahr an all seinen Werbesprüchen messen zu lassen. Was passt zum Handeln, was ist echt, wo will Bethel hin? Mindestens ein menschlicher Konzern sollte doch am Ende der Reise stehen. Kontakt zum Autor

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