Sichtlich genervte Eltern konfrontieren die Verantwortlichen der Schulschließung mit unangenehmen Fragen. Hier hört Pfarrerin Johanna Will-Armstrong vom Bethel-Vorstand zu. - © Sarah Jonek
Sichtlich genervte Eltern konfrontieren die Verantwortlichen der Schulschließung mit unangenehmen Fragen. Hier hört Pfarrerin Johanna Will-Armstrong vom Bethel-Vorstand zu. | © Sarah Jonek

Bielefeld Fassungslose Eltern warten in der Sekundarschule auf Antworten

Weil Millionen-Investitionen drohen, zieht Bethel die Reißleine und trennt sich von der Neugründung. Sanierungsbedarf der Gebäude falsch eingeschätzt. Die Stadt hätte Gespräche erwartet

Kurt Ehmke

Bielefeld-Bethel. Desaster, Affront, Debakel; zum Sekundarschul-Aus in Bethel gibt's drastische Vokabeln. Und während die im Bethelvorstand verantwortliche Johanna Will-Armstrong sich Montag erst abends den Fragen der Eltern stellte, sprach Barbara Manschmidt, für Schulen zuständig, auf Anfrage vorher über Hintergründe. Sie macht keinen Hehl aus ihrer Enttäuschung. Investitionen in Höhe von 20 Millionen Euro sollen laut Gutachtern notwendig sein, um die Bethel-Schullandschaft in eine sichere Zukunft zu führen. Zehn Millionen davon sind offenbar nicht zu finanzieren - und so steht die 2013 gegründete Sekundarschule mit 325 Schülern vor dem Aus. Sie war maßgeblich die Idee von Manschmidt und Ex-Schulleiter Hans-Wilhelm Lümkemann. Bände spricht dieser Satz Manschmidts: "Würde es eine Schenkung über zehn Millionen geben oder ich im Lotto gewinnen, das Geld würde sofort in die Sekundarschule fließen." Und so lässt sie auch offen, ob es bei möglichen Gesprächen mit der Stadt nicht doch noch zu einer Lösung des Problems kommen könnte. Angebliche Kürzung der Zuschüsse bei der Stadt nicht nachvollziehbar Dort aber dominiert zurzeit die Verwunderung darüber, dass Bethel nicht einmal das Gespräch dazu gesucht hat. Zwar sei der Eintritt in die Trägerschaft rechtlich wohl kaum möglich, aber Gespräche seien allemal sinnvoller als gleich Fakten zu schaffen. Eher hypothetisch sei eine Millionen-Zahlung, schon beim Blick auf andere Ersatzschulträger und die Gleichberechtigung. Offenbar glühen die Drähte zwischen Bethel und der Stadt aber nicht gerade. Ein früherer Bethel-Chef: "Wenn wir als Ersatzschulträger vorgesprochen haben, kam meist nur ein Schulterzucken - das war's." Halbiert worden sei der Zuschuss der Stadt, 600.000 Euro fehlten jährlich. Manschmidt: "Die Eigenleistungen des Trägers werden immer höher - wir können uns das als Schulträger nicht mehr leisten." Und ein Schulgeld sei schlicht undenkbar in Bethel. Schulverwaltungsamtsleiter Georg Müller ist irritiert: "Wir wissen nicht, wie Bethel auf 600.000 Euro kommt. Es gibt ab 2017 die übliche Fünf-Prozent-Kürzung für die Haushaltskonsolidierung - das sind 26.700 Euro." Zudem sei 2011 der Zuschuss um 400.000 Euro abgesenkt worden, da aber habe es die Sekundarschule noch gar nicht gegeben. Doch alleine ist dieses Geld offenbar eh nicht Schuld daran, dass die Reißleine gezogen wurde. Vielmehr wog sich Bethel offenbar lange in einer trügerischen Sicherheit beim Blick auf die Gebäude. Im Keller macht sich Schimmel breit Immer wieder gab es Einschätzungen, wie teuer was werden könnte - erst ab Ende 2014 sei alles auf den Prüfstand gekommen. Das Ergebnis: verheerend. Am Zionswald, wo die Oberstufe des Gymnasium unterrichtet wird, war von 750.000 Euro Sanierungskosten ausgegangen worden - als dann Decken geöffnet wurden, zeigte sich, "dass der Brandschutz komplett neu angefasst werden muss", sagt Manschmidt. Kosten: 3,9 Millionen Euro. Nun sollen hier die Berufskollegs gebündelt werden; die Oberstufe soll an die Rehwiese wechseln, zu den jüngeren Bodelschwinghschülern. Ein Neubau soll an den Mensa-Neubau angedockt werden - für fünf Millionen Euro. Manschmidt: Würde die Sekundarschule bleiben, müsste der Neubau größer ausfallen. Preis: 7 Millionen. Zudem müsse auch "Haus B" für 1,6 Millionen Euro saniert werden. Viele empfinden das alles als blamabel Das Aus für die Sekundarschule besiegelte dann das gut 100 Jahre alte "Haus A" an der Rehwiese. Im Keller war schon kein Unterricht mehr möglich (Schimmel), aber dass das Kerngebäude der Schule abgerissen und neu aufgebaut werden müsste, schockierte. Preis: 6,5 Millionen Euro. Ohne weitere neue Schüler, soll das Gebäude "erst einmal so lange genutzt werden, wie es eben geht", sagt Manschmidt. Ex-Schulleiter Lümkemann zeigt sich "überrascht" über die Dimension des Vorgangs, mag aber nicht mehr dazu sagen. Ein früher hochrangiger und mit dem Thema vertrauter Bethel-Mitarbeiter sagt, die Angelegenheit sei in der Größenordnung neu, sei aber "zu befürchten gewesen". Die Wirkung nach innen und außen sei "fürchterlich". Das ist oft in Bethel zu hören. Einige schämen sich, sind fassungslos. Viele empfinden das alles als blamabel. Verwundert ist auch die Martinschule: Ihr entfällt nun ein Ansprechpartner - so wenn es um Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf geht oder um Kinder, die nicht auf das Gymnasium gehen sollen. Zwar sollen die Sozialarbeiter am Bethel-Gymnasium bleiben, dort aber stellten sich für eine inklusive Beschulung schon viele Fragen, sagt Schulleiter Markus Spiekermann. "Wir werden die Sekundarschule schmerzlich vermissen - und bei dem, was ich bisher auch nur aus den Medien weiß, ziehe ich die Augenbraue hoch über den gesamten Vorgang." Zitate aus dem Info-Abend am Montag: Bethel-Vorstand Johanna Will-Armstrong: „Als ich 2015 durch die Gebäude gegangen bin, habe ich gesehen, dass es hier deutlich mehr Sanierungsbedarf gibt – als ich dann die Zahl 20 Millionen gesehen habe, war ich froh, dass ich saß." Will-Armstrong: „Wür-den wir das finanzieren, müsste Bethel uns jährlich statt 4,6 Millionen gut 6,7 Millionen Euro zahlen; das entspricht fast dem Jahres-Überschuss Bethels." Eine Mutter: „Sie haben hier Schulgeschichte geschrieben mit der Durchlässigkeit –jetzt stelle ich einen Paradigmenwechsel fest. Das geht gar nicht." Ein Vater: „Meine Tochter hat Gymnasialempfehlung – wir aber haben sie auf die integrative Sekundarschule geschickt, weil wir dachten, da hat Bethel ja mal was Gutes getan. Bethel trägt Verantwortung. Unter dem Vorwand finanzieller Argumente riecht das jetzt nach Paradigmenwechsel." Ein Vater: „Innovativ wäre, das Gymnasium aufzugeben und eine Gesamtschule aufzubauen." Eine Mutter: „Ihre Geheimhaltetaktik ist unglaublich und verlogen." Ein Mädchen: „Ich bin auf der Schule und habe meiner Schwester gesagt, dass sie ja nächstes Jahr zu mir kommt – was soll ich der denn jetzt sagen?"⋌kurt Der Kommentar zum Aus der Sekundarschule

realisiert durch evolver group