„Ensembleschutz trifft es nicht": Das findet Gebhard Spilker, Mitbesitzer eines Hauses aus dem Jahr 1949 an der Goethestraße. Nur an der Uhlandstraße sieht er den Ensembleanspruch erfüllt. Ob das aber für eine Denkmalschutz-Bereichssatzung reicht, bezweifelt er. - © Sarah Jonek
„Ensembleschutz trifft es nicht": Das findet Gebhard Spilker, Mitbesitzer eines Hauses aus dem Jahr 1949 an der Goethestraße. Nur an der Uhlandstraße sieht er den Ensembleanspruch erfüllt. Ob das aber für eine Denkmalschutz-Bereichssatzung reicht, bezweifelt er. | © Sarah Jonek

Gadderbaum Komplettes Bielefelder Viertel unter Denkmalschutz?

Pläne der Behörden: Dass das Johannistal mit seinen heute schon mehr als 30 geschützten Häusern komplett unter Denkmalschutz gestellt werden soll, freut offenbar die meisten

Kurt Ehmke

Gadderbaum. Das Johannistal zwischen Goethe- und Freiligrathstraße soll in 2019 komplett denkmalgeschützt werden - über eine sogenannte Bereichssatzung. Die Menschen, die hier Eigentümer von Häusern sind, möchten überwiegend nur dann offen über das Thema sprechen, wenn sie anonym bleiben; zu groß ist die Sorge, es sich mit Nachbarn und Freunden zu verderben, die vielleicht genau anderer Meinung sind. Eine Frau: "Ich will auf keinen Fall in die Schusslinie geraten." Ein journalistischer Ausflug ins besondere Quartier: Eine Frau, die Eigentümerin eines bereits denkmalgeschützten Hauses ist, hat mit vielen ihrer Nachbarn gesprochen, sie sagt: "Mit einer Ausnahme habe ich nur positive Stimmen gehört." Sie findet, dass jeder, der ein altes Haus kaufe, auch wissen müsse, was ihn erwarte. Dass dabei der Denkmalschutz positive wie negative Seiten hat, stellt sie klar. Einerseits wunderschöne Häuser und steuerliche Abschreibungsmöglichkeiten, andererseits viel Arbeit und manchmal auch nervende Debatten mit Ämtern. "Wenn es dann bei der Dachdeckung aber um Millimeter geht, die der energetischen Qualität dienen, jedoch vom Denkmalschutz her nicht genehmigt werden, dann kann das auch unangenehm sein." Ihr Credo: Denkmalschutz ja, "aber mit Augenmaß". Vor allem die alten Gärten dürften nicht verändert werden durch die neue Satzung. »Ich bin sehr erleichtert über den Vorstoß der SPD« Grundsätzlich sei sie aber klar für die neu geplante Satzung. "Im meinem Umfeld haben viele schon länger diskutiert, wie man wohl verhindern könnte, dass sich das Wohngebiet immer mehr verändert." Häuser werden abgerissen und manchmal klein wieder neu gebaut; manchmal aber auch von Investoren mit Blick aufs Maximum und kaum passend zur Umgebung ersetzt. "Ich jedenfalls bin sehr erleichtert über den Vorstoß der SPD", sagt die Frau. Die Sorgen ums Quartier treiben auch einen Anwohner der Freiligrathstraße um, wo zwei Häuser im Fokus stehen - die Nummern 10 und 11. "Bei uns und am Wellenkotten gibt es viel Zustimmung zu den Plänen, aber der Eigentümer der Nummer 10 ist skeptisch, während bei Nummer 11 eher ein Wohlwollen herauszuhören ist." Jörg Dolleschel wohnt an der Goethestraße - in einem denkmalgeschützten Haus. Er ist hin- und hergerissen. Einerseits sei der Schutz des Eigentums wichtig, andererseits der Erhalt alter Substanz auch, sie sei ein Kulturgut. Ob aber das ganze Viertel pauschal geschützt werden müsse, das sei für ihn diskutabel. Und auch stört er sich "am Protektionismus, der da mitschwingt". Dolleschel fragt: "Warum sollen hier nicht mehr Menschen in dieser attraktiven Lage leben können?" Dennoch, so seine Meinung, sollten Grundstücke nicht maximal neu bebaut werden. Er wünsche sich den Schutz der schützenswerten Häuser - und Regeln, die angepasste Neubauten ermöglichten; ohne gleich jede Grenze auszunutzen. "Ein Schutz vor Baulöwen, die nur die Rendite sehen, wäre wichtig." Eine andere Eigentümerin aus der Uhlandstraße, auch ihr Haus gehört zu den denkmalgeschützten, sagt: "Ich finde diese Satzung gut und total wichtig." Zu groß sei die Sorge, dass sich das Quartier verändere. Längst nicht jeder Neubau sei angepasst, vor allem, wenn Investoren auftauchten, sei das Risiko groß, dass unpassende Neubauten entstünden. Sie, die ein Haus aus dem Jahr 1908 gekauft und saniert hat, findet, dass Eingriffe in Gärten "schon relativ weit gehen", aber der Aderlass an alten Häusern "auch echt schade ist". Dieser Prozess müsse aufgehalten werden. "Ich kenne das aus dem Ruhrgebiet, da sind ganze Siedlungen in ihrem Charakter zerstört worden." Ihr Fazit: "Ich finde es total wichtig, dass die Satzung beschlossen wird." »Ich finde diese Satzung gut und total wichtig« An der Freiligrathstraße lebt eine Eigentümerin, die ein 106 Jahre altes Haus ohne Denkmalschutz hat - und das bewusst entschieden hatte mit ihrem Mann. "Wir wollten energetisch sanieren - und dem standen behördlich zu viele Dinge entgegen", sagt sie. Unsichtbarer Vollwärmeschutz? Nicht im Denkmalschutz. Wenn aber nun die Stadt die Satzung plane, dann sei sie sehr positiv eingestellt. Denn: "Für die Struktur der Siedlung wäre das eine große Wertschätzung." Egal, mit wem aus ihrer Nachbarschaft sie bisher gesprochen habe, alle seien positiv gestimmt - "obwohl viele auch nach möglichen Kosten fragen, denn es leben hier ja auch nicht nur Millionäre". Fakt sei: So einige Objekte seien gefährdet, ihnen drohe der Abriss durch Investoren. "Das war auch bei unserem Haus so, aber der Verkäufer nahm uns statt des Investors mit dem geplanten Sechsfamilienhaus."

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