Am ehemaligen Lager: Von den Baracken ist nichts mehr zu sehen, eine Tafel informiert Besucher. - © Ramona Westhof
Am ehemaligen Lager: Von den Baracken ist nichts mehr zu sehen, eine Tafel informiert Besucher. | © Ramona Westhof

Bielefeld Als am Johannisberg noch Dürkopp-Zwangsarbeiter untergebracht waren

Rundgang: Wo früher Baracken standen, parken heute Autos. Vereine wollen mehr Aufarbeitung

Bielefeld. Nur noch ein paar Informationstafeln und ein Eisenring im Boden erinnern heute an das Lager Bethlem am Johannisberg, von den Holzbaracken ist längst nichts mehr zu sehen. Von 1942 bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs wurden hier Zwangsarbeiter der Dürkopp-Werke untergebracht. „Es ist erschütternd, dass dieser Teil der Bielefelder Geschichte 40 oder 50 Jahre lang vergessen war", sagt Wolfgang Herzog, der für den Verein „Gegen Vergessen – Für Demokratie" und den Arbeitskreis „Zwangsarbeit in Bielefeld" Besucher an den Ort des ehemaligen Lagers führt. Dieses Mal sind eine Handvoll Geschichtsinteressierter dabei, die sich mit Allwetterjacken vor Regen und Hagel schützen. Wolf steht auf dem heutigen Parkplatz am Johannisberg und zeigt auf einen Metallstreifen im Boden: Das Metall zeichnet die rechteckigen Umrisse einer der Baracken nach. "Der Hunger ließ uns nicht los" Darauf sind neben einem kurzen Informationstext Zitate von ehemaligen Zwangsarbeiterinnen zu lesen, die Jahre später in Briefen ihre Zeit im Lager beschrieben haben. „Der Hunger lies uns nicht los", schrieb eine Frau mit Bezug auf die schlechte Essensversorgung im Lager. Vor allem die sogenannten „Ostarbeiterinnen", junge Ukrainerinnen, die die größte Gruppe im Lager ausmachten, hatten darunter zu leiden. Sie bekamen weniger Essen als die westeuropäischen Arbeiter. „Die Frauen sind manchmal an den Geräten ohnmächtig geworden", erzählt Wolf seiner Gruppe. Ein anderer Spruch am Boden berichtet von katastrophalen hygienischen Bedingungen. Unangenehmer Geruch Wolf beschreibt anschaulich, dass der Geruch so unangenehm war, dass sich selbst Sonntagsspaziergänger gestört fühlten und beschwerten. Der Johannisberg war schon damals Ausflugsziel. Auch die Massen an Arbeitern, die auf dem Weg zur Fabrik durch die Stadt zogen, dürften kaum zu übersehen gewesen sein. „Das zeigt die Alltäglichkeit schlimmer Verbrechen." Trotzdem hat die Aufarbeitung dieses Teils der Geschichte erst in den 80er Jahren begonnen. Inzwischen gibt es Gedenktafeln, aber Wolf ist das nicht genug. Vor allem die Firma Dürkopp solle sich aktiver an der Erinnerungskultur beteiligen, findet er.

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