Gefährliche Situation: Nähern sich Fremde einem Kind, braucht es klare Instruktionen von den Eltern, wie es sich zu verhalten hat. - © dpa
Gefährliche Situation: Nähern sich Fremde einem Kind, braucht es klare Instruktionen von den Eltern, wie es sich zu verhalten hat. | © dpa

Familie "Geh nicht mit Fremden mit" - wie Eltern ihren Kindern das am besten erklären

Experten sagen, wie man sensibilisiert, ohne zu verstören

Anneke Quasdorf

Bielefeld. Ein Mann spricht aus einem Auto heraus eine Vierjährige an, die im Garten ihres Elternhauses spielt und versucht, sie mit Seifenblasen anzulocken. Dieser Vorfall, Alptraum aller Eltern, ist jüngst im Bielefelder Stadtbezirk Dornberg passiert. Er zeigt, wie wichtig es ist, mit Kindern über das Thema "Nicht mit Fremden mitgehen" zu sprechen. Doch wie schafft man es in Zeiten, in denen vielerorts der neue Schulweg geübt wird, Kinder zu sensibilisieren, ohne ihnen Angst zu machen? "Indem man offen, klar und nüchtern mit ihnen spricht", sagt Karen Maria Rauch, in Bielefeld niedergelassene Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin. "Wenn man Vorbehalte, Ängste oder Schamhaftigkeiten hat, merken Kinder das sofort - und übertragen es auf ihr eigenes Verhalten." In den Augen Rauchs geht es bei dem Thema vor allem darum, dem Kind deutlich zu machen, dass es Grenzen setzen kann und darf. "Sag Nein zu Fremden, die dich rufen, anstatt hingehen. Sag Nein dazu, mit fremden Menschen mitgehen. Sag Nein dazu, von Fremden Geschenke anzunehmen - das sind die Botschaften, die ankommen müssen." Dabei muss berücksichtigt werden, dass Kinder mit dem alleinigen Satz "du darfst nicht mit Fremden ..." oft bis ins Schulalter hinein nichts genaues anfangen können. Wichtig ist es deshalb, je jünger das Kind, zu erklären, wer ein "Fremder" ist. Kurz eine "unvertraute" Person, die "wir" (Eltern / Betreuende) nicht auch persönlich kennen. Spielerisch sollte mit einem Kind die Wahrnehmung dafür geübt werden, wer eine wirklich vertrauenswürdige Person ist und werden kann ( z.B. aufzählen, wem es vertrauen kann, an welchem Ort...) Angst vor dem "Warum" Viele Eltern fürchten sich allerdings vor der Frage, die dann zwangsläufig kommt: dem "Warum". Denn darauf zu antworten, bedeutet in ihren Augen zwangsläufig, die heile Welt des Kindes zu zerstören - muss man ihm doch erklären: Es gibt böse Menschen, die dir etwas Böses wollen. Rebekka Oettinger sieht darin allerdings überhaupt kein Problem. Sie ist ebenfalls Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin und Beraterin beim Verein Dunkelziffer, der missbrauchte Kinder unterstützt. "Für Kinder ist es eine wichtige Erfahrung, dass die Welt nicht nur gut ist - und die müssen sie machen, um Dinge einordnen und sich orientieren zu können. Dadurch wird ihre Unbedarftheit nicht zerstört, sondern sie sind handlungsfähig, wenn ihnen jemand zu nahe tritt." Dieser Ansicht ist auch Psychotherapeutin Rauch: "Kinder ordnen in ihren jüngeren Jahren für ihr Verständnis die Welt mit Phantasie in Gut und Böse, um sich darin zurechtzufinden und mit Verwirrungen zurechtzukommen. Deshalb mögen Kinder Märchen so sehr. Märchen stellen dem Kind Gestalten vor, auf die es all das, was in ihm vorgeht, überschaubar projizieren kann und helfen schwierige Situationen zu verarbeiten." Geschlechtsteile klar benennen Und so ist es nach Einschätzung beider Expertinnen die beste Lösung, auf das gefürchtete "Warum" klar zu antworten: Weil es Menschen gibt, die Kinder mitnehmen. Weil es Menschen gibt, die Kindern wehtun wollen. Oettinger: "Kinder haben ja nicht gleich das ganze Szenario im Kopf, das sich bei uns Erwachsenen abspielt. Sie kriegen erst dann Angst, wenn die Eltern mit schreckgeweiteten Augen und voller Angst über etwas sprechen. Wird ihnen das Gesagte aber ruhig und sachlich vermittelt, ist alles in Ordnung." In ihren Augen gehört zur Vorbereitung von Kindern auch das klare Benennen von Sexualität und sexuellen Begriffen, der Geschlechtsteile beispielsweise. "Kinder müssen klar sagen können: Das ist meine Scheide. Das ist mein Penis. Und da möchte ich nicht angefasst werden. Wenn sie nicht wissen, was Sexualität ist, wissen sie auch nicht, was sexueller Missbrauch ist." Karen M. Rauch sieht zudem das Verhalten der Eltern als auschlaggebend für das Verhalten von Kindern an: "Manche Eltern forcieren übermäßig sozial erwünschtes Verhalten. Dann müssen Kinder Händchen geben oder Berührungen zulassen, die sie gar nicht wollen. Das macht es schwerer ein Gefühl zu entwickeln für die Grenzsituation eines Übergriffs und "Nein" zu sagen." Andere Kinder erlebten unklare oder fehlende Grenzen, distanzgeminderte Eltern. "Dann können diese ihrem Kind hier kaum vermitteln. In dem Fall sind Kindergärten und Schulen gefragt."

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