Leuchtturm-Projekt im Quartier: Wohnanlage für ältere Migranten und ihre Familien nach dem Bielefelder Modell an der Rostocker Straße im Bezirk Kammerich. Von den 1.852 Menschen über 60 Jahre haben 528 einen Migrationshintergrund. - © Susanne Lahr
Leuchtturm-Projekt im Quartier: Wohnanlage für ältere Migranten und ihre Familien nach dem Bielefelder Modell an der Rostocker Straße im Bezirk Kammerich. Von den 1.852 Menschen über 60 Jahre haben 528 einen Migrationshintergrund. | © Susanne Lahr

Brackwede Hilfe im Alter: Ein Quartier macht sich auf

Am Modellprojekt "Altersgerechtes Brackwede" arbeiten Stadt, Bielefelder Wohnungsgesellschaft BGW und Bürger gemeinsam

Susanne Lahr

Brackwede. Die 74-jährige alte Dame wohnt seit 32 Jahren in Kammerich - in der selben Straße und in der selben Wohnung. Im Alter ist sie nicht mehr so mobil, sie kommt nicht oft aus dem Haus. Und daher weiß die Alleinstehende auch nicht, welche Angebote sie umgeben, die ihr helfen könnten, ihr den Alltag zu erleichtern oder auch schöner zu gestalten. Das soll sich ändern, denn das Quartier, in dem die 74-Jährige lebt, ist für ein landesweites Pilotprojekt auserwählt worden. Altengerechte Quartiersentwicklung lautet das Thema. Stadt und BGW, die Bielefelder Gesellschaft für Wohnen und Immobiliendienstleistungen, sind die Partner, die dieses Projekt in Bielefeld voran treiben. Das Quartier, um das es geht, bezieht sich in erster Linie auf den statistischen Bezirk Kammerich. Da aber Menschen ihre Bezüge nicht an solchen statistischen Grenzen festmachen, werden auch Frerks Hof, Brackwede-Mitte und Rosenhöhe einbezogen. Im Stadtbezirk leben rund 38.830 Menschen, davon 14.875 in den vier genannten Bezirken (Zahlen aus 2015). Mehr als 27 Prozent sind älter als 60 Jahre. Im Bezirk Kammerich leben fast 1.500 Menschen, die älter sind als 65 Jahre, die Hälfte davon in Single-Haushalten (überwiegend Frauen). Und rund 6 Prozent der Menschen dort sind auf Grundsicherung angewiesen. Damit liegt Kammerich deutlich über dem städtischen Durchschnitt von 4,9 Prozent. Laut demografischer Prognose wird die Zahl der über 60-Jährigen bis 2035 in Brackwede um 12 Prozent auf rund 12.000 Menschen anwachsen. Menschen, die auch im Alter am liebsten ein selbstbestimmtes Leben in vertrauter Umgehung leben möchten. Und genau darum geht es im Projekt "Altengerechtes Brackwede". "Am Beispiel Kammerich wollen wir herausfinden, wie man ein Quartier verändern kann und sollte, um die Lebensqualität zu erhöhen", erklärt Bernadette Bueren, die seitens der Stadt das Projekt betreut. Was empfinden die Menschen als "ihr" Brackwede, "ihr" Quartier, "ihr" Zuhause? Wie sind ihre Bedürfnisse? Welche Selbsthilfepotenziale gibt es, und welche Netzwerke bestehen vielleicht bereits? All solche Fragen haben die ebenfalls zum Büro für Integrierte Sozialplanung gehörenden Quartiersentwicklerinnen Martina Buhl und Nalan Gürbüz-Bicakci beleuchtet, Daten zusammengetragen, Gespräche mit Quartiersbewohnern, mit Vereinen und Verbänden geführt. Es geht um Themen wie Wohnen, Mobilität, Barrierefreiheit, Freizeit, Versorgung, Sicherheit, Kultur und Begegnung. Und weil die Quartiersentwickler nicht allein von der grauen Theorie ausgehen wollen, sollen die Menschen nach den Worten von Nalan Gürbüz-Bicakci im Quartier daran mitarbeiten, ihr Umfeld zu entwickeln. Alle Beteiligten finden den Bezirk Kammerich auch deshalb spannend, weil dort viele Menschen mit Migrationshintergrund wohnen. Von den 1.852 Menschen, die älter sind als 60 Jahre, sind 30 Prozent Migranten. Viele davon ehemalige Mitarbeiter der Kammerich-Werke, deren Wohnsiedlungen für ihre Arbeiter dem Bezirk den Namen gaben. "Sie werden von den vorhandenen Versorgungsstrukturen fürs Alter weniger erreicht, als die übrige Bevölkerung", sagt Gürbüz-Bicakci. Auch daran soll das Pilotprojekt, das bis 2018 läuft, etwas ändern. Im Oktober und November haben zwei Bürgerversammlungen stattgefunden, zu denen jeweils rund 700 Brackweder mit persönlichem Schreiben eingeladen worden waren. An den beiden Workshops nahmen rund 120 Bürger teil. Eine Resonanz, mit der das Büro für Integrierte Sozialplanung sehr zufrieden ist. "Die Menschen hat gerade die persönliche Ansprache gefreut", sagt Martina Buhl, "sie fühlen sich und ihre Anliegen ernst genommen." Entsprechend engagiert sei diskutiert worden. Im Januar ist noch einmal ein Workshop geplant, der sich explizit an die Quartiersbewohner mit Migrationshintergrund richtet, die bislang noch unterrepräsentiert sind. Derweil geht es in einer wöchentlichen Arbeitsgruppe in die Feinarbeit. Zwei Schwerpunktthemen hat man sich als erstes vorgenommen: Mobilität sowie Kultur und Begegnung. "Gemeinsam suchen wir nach den Stellschrauben, damit man in Brackwede gut alt werden kann", sagt Oliver Klingelberg, Sozialmanager der BGW. "Wir wollen das Bielefelder Modell auf diesem Weg weiter stärken."

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