Gemeinsam Spaß haben: Gerda Scholz ist zur Kurzzeitpflege für ein paar Wochen im Johann-Heermann-Haus untergebracht. Im Gemeinschaftsraum vergnügt sie sich mit anderen Bewohnern und Requisiten, die zur Bewegung anregen.. - © Sibylle Kemna
Gemeinsam Spaß haben: Gerda Scholz ist zur Kurzzeitpflege für ein paar Wochen im Johann-Heermann-Haus untergebracht. Im Gemeinschaftsraum vergnügt sie sich mit anderen Bewohnern und Requisiten, die zur Bewegung anregen.. | © Sibylle Kemna

Brackwede Entlastung bei der Pflege daheim

Hilfe im Alter (V): Kurzzeit- und Verhinderungspflege verhelfen zu einer Auszeit oder überbrücken Phasen zwischen Krankenhaus und Zuhause

Sibylle Kemna

Brackwede. Gerda Scholz (Name geändert) ist das erste Mal in einem Seniorenheim. Und sie bleibt hier auch nur vier Wochen. Zur Überbrückung der Zeit nach der Klinik - und bis zu Hause alles umgebaut ist. "Ich begrüße, dass es die Kurzzeitpflege gibt", sagt die 80-Jährige, die im Johann-Heermann-Haus lernt, mit dem Rollator zurechtzukommen, nachdem sie aus Krankheitsgründen Einschränkungen beim Laufen in Kauf nehmen muss. "Hier kann ich gut durch die Gänge wandern und zu Hause wird alles modernisiert, damit ich da mit dem Rollator gut zurechtkomme." Das Bad wird umgebaut, in der alten Küche wird ihr Schlafzimmer eingerichtet. "Alles wird gefliest, so dass ich gut laufen kann", berichtet die alte Dame, die sich jeden Tag auf ihr Zuhause und ihren Ehemann freut. Die Überbrückung der Zeit zwischen Klinik und Zuhause ist ein klassisches Szenario für die Kurzzeitpflege. "Die meisten kommen nach einem Krankenhausaufenthalt zu uns", sagt Oliver Stief vom Sozialdienst des evangelischen Altenzentrums auf der Schanze. Die Wohnung ist nicht barrierefrei oder der alte Mensch ist noch nicht fit genug für zu Hause. "Es ist eine Übergangspflege. Die Menschen sind orientiert, aber nach einem Sturz oder aufgrund einer Krankheit vorübergehend eingeschränkt", verdeutlicht Stief. "Ein Teil geht dann nach Hause, ein Teil bleibt aber auch und wechselt in die Dauerpflege." Es hat sich dann zum Beispiel gezeigt, dass die Pflege zu Hause doch nicht zu realisieren ist. "Die Angehörigen sehen: Mutter ist hier gut aufgehoben, oder es geht zu Hause nicht mehr", berichtet Heimleiter Achim Jung. Weitere Gründe für die Kurzzeit- oder auch Verhinderungspflege sind Urlaub, Krankheit oder Überforderung des pflegenden Angehörigen. 1,9 Millionen Pflegebedürftige werden in Deutschland von ihren Angehörigen gepflegt, davon 1,25 Millionen ohne ambulante Pflegedienste. In Bielefeld werden mehr als 10.000 Menschen zu Hause von Angehörigen betreut, und die brauchen gelegentlich Entlastung. Alle Seniorenheime in Bielefeld bieten Kurzzeit- und Verhinderungspflegeplätze an. Seit etwa neun Monaten nimmt die Kurzzeitpflege stark zu, hat Achim Jung beobachtet. Das führt er auf den deutlich höheren Zuschuss der Krankenkassen bei Kurzzeit- und Verhinderungspflege zurück. Denn diese wollen die ambulante Pflege gegenüber der stationären Pflege stärken. Und: Seit Anfang dieses Jahres muss keine Pflegestufe vorliegen, um einen Kurzzeitpflegeplatz zu bekommen. "Die Kurzzeitpflege ist inzwischen ein regulärer Einstieg in das Altenheim und auch ein Wohnen auf Probe." Immer weniger Menschen kämen direkt in die Dauerpflege. Nicht nur die Verhinderungspflege, auch die Kurzzeitpflege (Definition siehe Kasten) kann eine Auszeit für pflegende Angehörige sein, beides kann kombiniert werden. "Natürlich würde ich am liebsten zu Hause sein", sagt Gerda Scholz. "In Gedanken bin ich immer am Einräumen meiner Sachen." Doch angesichts der Umstände gefällt es ihr im Heim. Im kleinen Speisesaal freut sie sich über den Kontakt zu anderen Bewohnern, "die Gymnastikgruppe hat mir sehr gefallen", und auch die Krankengymnastik empfindet sie "als sehr gut". Kurzzeit oder Verhinderung? Kurzzeitpflege (KP) und Verhinderungspflege (VP) sollen den pflegenden Angehörigen eine Auszeit verschaffen. Der entscheidende Unterschied liegt darin, dass die Verhinderungspflege eine sogenannte Vorpflegezeit erfordert: Die Angehörigen müssen die pflegebedürftige Person, egal ob Pflegestufe oder nicht, bereits seit einem halben Jahr zu Hause betreuen. Die KP können die Angehörigen dagegen in Anspruch nehmen, sobald eine Pflegestufe vorliegt – für bis zu acht Wochen pro Jahr. VP kann auch stundenweise genutzt werden, bis zu 50 Prozent des Betrags (maximal 1.612 Euro), der für die KP zur Verfügung steht, können die Angehörigen dafür nutzen, wenn sie die Höchstdauer der KP von 56 Tagen nicht ausgereizt haben. Wer einen Kurzzeitpflegeplatz sucht, kann ihn in Bielefeld finden unter www.bielefeld-pflegeberatung.de. Für jeden Kalendertag sind dort Heime genannt, die kurzfristig Pflegebedürftige aufnehmen.

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