Kennt sein Quartier: Sozialarbeiter Dirk Wiedey kümmert sich um Menschen, die ganz unterschiedliche Hilfen zum Leben brauchen, das sie allein nicht mehr geregelt bekommen. Seine Kolleginnen und er schnüren individuelle Unterstützungspakete. - © Susanne Lahr
Kennt sein Quartier: Sozialarbeiter Dirk Wiedey kümmert sich um Menschen, die ganz unterschiedliche Hilfen zum Leben brauchen, das sie allein nicht mehr geregelt bekommen. Seine Kolleginnen und er schnüren individuelle Unterstützungspakete. | © Susanne Lahr

Brackwede Quartierssozialarbeiter helfen Menschen im Alltag

Hilfe im Alter (IV): Ihre Klientel sind Menschen, die ihren Alltag nicht mehr selbstständig regeln können

Susanne Lahr

Brackwede. Aus der Wohnung des 72-Jährigen riecht es stark. Er lebt allein, soll ein Alkoholproblem haben. Und so informieren die Nachbarn, deren Hilfe der ältere Herr nicht annehmen möchte, Dirk Wiedey. Er ist Sozialarbeiter im Stadtbezirk Brackwede, kennt sein Quartier seit 1999 wie seine Westentasche. Der 58-Jährige schafft es, beim ersten Hausbesuch eingelassen zu werden. Keine Selbstverständlichkeit. "Wir sind nicht immer willkommen", sagt der Quartierssozialarbeiter. "Vor allem dann nicht, wenn die Menschen keine Einsicht haben, dass sie Hilfe brauchen." Auch der Senior ist so ein Fall. Die Ansammlung von Müll und Ungeziefer, die seit Jahren nicht mehr geputzte Wohnung, alles für ihn kein Problem. Es braucht mehrere Hausbesuche, um den Mann zu überzeugen, eine Haushaltshilfe zu beschäftigen. "Genügend Rente hatte er, aber er hat es nur gemacht, um Ruhe vor mir zu haben", sagt Wiedey und lacht. Allerdings geht es in der Folge schnell weiter mit dem alten Herrn bergab, er wird aufgrund einer psychischen Erkrankung immer aggressiver, auch gegenüber der Nachbarschaft. Letztlich folgt eine Zwangseinweisung in die Gerontopsychiatrie und eine rechtliche Betreuung. Wiedey erzählt vom Alkoholkranken mit neurologischen Schäden, auf den die Polizei aufmerksam gemacht hat. Hier verhilft er mit Unterstützung des psychosozialen Dienstes der Stadt zu Klinikaufenthalt, Entgiftung, Unterbringung in einer ambulant betreuten Wohngemeinschaft. Oder von dem kontaktscheuen Diabetiker, "der alle weggebissen hat", wie sich Wiedey ausdrückt. Kein Pflegedienst wollte da mehr ran. Einmal wöchentlich hat der 58-Jährige nach ihm geschaut, bis letztlich ein Richter die rechtliche Betreuung bewilligt hat. Wiedey: "Wir befassen uns mit den Menschen, die vom Radarschirm der Öffentlichkeit nicht erfasst werden." Um jene Menschen, die resignieren, sich vernachlässigen, ihre Selbstversorgung nicht mehr geregelt bekommen. Die nach Jobverlust, durch finanzielle Schwierigkeiten, Krankheiten, Beziehungsproblemen den Überblick über ihr Leben verlieren, häufig Sozialhilfeempfänger sind. Die sich von Kaffeetrinken im Gemeindehaus, Skat-Kloppen im Nachbarschaftstreff oder Filmabenden im Begegnungszentrum nicht angesprochen fühlen, um die Einsamkeit zu vertreiben. Angehörige, Polizei, Krankenhaussozialdienste, Nachbarn, Wohnbaugesellschaften, Ärzte oder Geistliche machen auf diese Menschen aufmerksam. Verwahrlosung ist nach Dirk Wiedeys Worten oft ein Thema - quer durch alle Gesellschaftsschichten - sowie häusliche Gewalt - auch von Kindern gegen Eltern. Die Klientel ist überwiegend 45 Jahre und älter. Neben Dirk Wiedey gibt es drei weitere Quartierssozialarbeiterinnen für den Bielefelder Süden. Sie versuchen, die Bedarfe der Menschen festzustellen, Ziele zu formulieren, Hilfsangebote zu vermitteln, deren Erfolge oder Misserfolge sie auch nachhalten. Sie koordinieren verschiedene Fachstellen wie den sozial-psychiatrischer Dienst, die Gesundheitsaufsicht oder die Fachstelle für Wohnungshilfen. Ganz oben auf der Liste steht die Eingliederungshilfe, die ambulante, psychiatrische Betreuung von kranken und behinderten Menschen. Vorrangiges Ziel der Quartierssozialarbeiter ist jedoch Hilfe zur Selbsthilfe; zu verhindern, dass ihre Klienten in die Sozialhilfe abrutschen. Dabei helfen nicht nur behördliche Stellen. "Wir arbeiten auch eng mit den Wohlfahrtsverbänden zusammen", betont Traude Steinbring-Rees, Teamleiterin für die Quartierssozialarbeit im Bielefelder Süden. "Und Nachbarschaft ist auch besser als ihr Ruf", ergänzt Dirk Wiedey. Nach seiner Erfahrung ist sie oft sehr tragfähig. Rund 110 Fälle werden pro Vollzeitstelle - und davon gibt es 3,5 - vom Süd-Team betreut. Aber nicht jeder Fall ist aufwendig oder braucht großartige finanzielle Hilfen. Dirk Wiedey findet es schade, dass die aufsuchende Arbeit der Quartierssozialarbeiter in der Öffentlichkeit "unter Wert gehandelt wird". Vermittlung 
im Bürgerbüro Die Quartiersozialarbeiter im Bezirksamt Brackwede haben montags bis freitags von 8 bis 10 Uhr Sprechstunde sowie nach Vereinbarung. Das Bürgerservicecenter vermittelt stadtweit den passgenauen Quartiersozialarbeiter unter Tel. (05 21) 51-0. Die Adresse des Hilfesuchenden ist dabei ausschlaggebend.

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