Brackwede/Senne Demenz stellt alles auf den Kopf

Hilfe im Alter (III): Spezielle Wohngruppen - ein geschützter Raum für Erkrankte, mit vielen Kontakt- und Beschäftigungsangeboten. Ein Besuch in Breipohls Hof

Sibylle Kemna

Brackwede/Senne. "Muss ich rechts- oder linksrum?" Obwohl die 94-jährige Johanna Schubert (Name geändert) ihr Zimmer direkt neben dem Esszimmer hat, weiß sie nach dem Mittagessen nicht, wo es langgeht. Doch in der Demenz-Wohngruppe in "Breipohls Hof" ist sie gut aufgehoben. Menschen mit Demenz fehlt die Orientierung, sie leiden unter Kontrollverlust. Die Krankheit des Gehirns sorgt für Störungen des Gedächtnisses, im Denken, der Auffassungs- und Lernfähigkeit. "Deshalb ist Sicherheit für unsere Bewohner besonders wichtig", erläutert Diakonin Andrea Steinkühler. "Sie können sich frei bewegen, auch im Garten, aber es passiert ihnen nichts." Rund 1,6 Million Menschen sind nach Aussage der Deutschen Alzheimer Gesellschaft an einer Form der Demenz erkrankt, zwei Drittel sind älter als 80 Jahre, fast 70 Prozent der Betroffenen sind Frauen. Jedes Jahr treten etwa 300.000 Neuerkrankungen auf. Allein in Bielefeld - so die Schätzungen - erkranken jährlich 2.000 Menschen neu. Gelingt kein Durchbruch in der Prävention und Therapie, wird sich nach Auskunft der Alzheimer-Gesellschaft die Zahl der Demenzkranken bis 2050 mehr als verdoppeln. Dies hänge zweifellos mit der höheren Lebenserwartung und der damit zunehmenden Zahl älterer Menschen zusammen. Da demenzkranke Menschen oft Unterstützung rund um die Uhr benötigen, sind die Angehörigen extrem gefordert, und Wohngruppen stellen eine für beide Seiten tragbare Alternative dar. Inzwischen gibt es elf solcher WGs in Bielefeld und etliche mehr, die Teil eines Seniorenzentrums sind, wie in diesem Fall, in dem es drei Wohngruppen gibt. Nur zehn beziehungsweise sieben Mitbewohner pro Gruppe sorgen in Breipohls Hof für ein vertrautes Gefühl, alles ist übersichtlich. "Demenz ist ein Identitätsverlust, der alles in Frage stellt: Zeit, Ort und Raum", erklärt Steinkühler. "Deshalb ist ein geschützter Raum, in dem es viel Beständigkeit gibt, wichtig." "Hier geht es lang." Die Diakonin lächelt freundlich und weist der alten Dame den Weg in ihr Domizil. Die Tür öffnet Schubert jedoch selbst und führt ihre Besucher herein - das ist die Regel hier. "Ich hab hier mein eigenes Reich", sagt die rüstige alte Dame stolz. Hier kann sie schalten und walten, wie sie will, zum Beispiel Dinge an einen anderen Platz stellen. "Sie räumt gerne um", erzählt die Diakonin. "Damit kann sie sich stundenlang beschäftigen." Die Pflegerinnen sehen es gelassen, wenn mal wieder etwas scheinbar spurlos verschwunden ist und helfen gerne. Das Verstecken und die Schwierigkeit, Dinge wiederzufinden, gehört zu typischen Symptomen. "Wir möchten den Menschen ihre Selbstbestimmung erhalten", berichtet Steinkühler. "Frau Schubert hat im Leben alles selbst gestemmt, sie muss ihre Souveränität spüren - auch bei Demenz." Denn die Empfindung ist bei Dementen nicht getrübt. Sie spüren genau, ob es jemand gut mit ihnen meint. Wie Diakonin Steinkühler, zu der Schubert Vertrauen hat. Diese zeigt ihr ein Buch mit alten Fotos aus Brackwede und Johanna Schubert beginnt, von ihrem Leben zu erzählen. In der Fahrradfabrik hat sie gearbeitet und in der Produktion an einem langen Tisch gesessen. Auch wo und was sie eingekauft hat in Brackwede, kann sie noch lebhaft erinnern. Gerne ging sie zur Metzgerei Niermann an der Hauptstraße. Die Diakonin fragt nach und bestärkt sie, auch als es unlogisch wird. "Demente Menschen haben immer recht", erläutert Steinkühler den praktizierten Ansatz der "integrierten Validation" nach Nicole Richards. Denn ein Widerspruch würde nur beunruhigen und zu nichts führen. Auch wenn sie ein eingeschränktes Kurzzeitgedächtnis hat, unternimmt die alte Dame gerne etwas. "Sie nimmt an allen Aktivitäten hier im Haus teil", berichtet Steinkühler. Ob Waffeln backen, singen, Hund streicheln, Gymnastik oder basteln, Gottesdienst, Konzerte oder Feste: Die rüstige Seniorin ist mit dabei. Die Beschäftigung ist für Demente sehr wichtig. Jeder Mensch ist anders, und jeder Demenzkranke hat seine eigenen Stärken und Schwächen. "Wir ermitteln genau den Hilfebedarf", erklärt die Diakonin. Dabei ist auch der Blick auf den Lebenslauf wichtig. "Ein Bewohner fing manchmal an zu boxen, und das konnten wir mit Blick auf sein früheres Hobby besser verstehen", berichtet sie. Die Betreuer gingen aus Spaß darauf ein und nahmen ihm so "den Wind aus den Segeln". Und beim nächsten Tanztee wird Frau Schubert wieder im Rhythmus mitschunkeln.

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