Wenn das Leben nicht mehr so leicht von der Hand geht: Es gibt mittlerweile viele Hilfs-, Pflege- und Unterstützungsangebote für Senioren. Aber es ist nicht einfach, sich in den Paragraphen zurecht zu finden. Neutrale Beratung ist gut und wichtig. - © DPA
Wenn das Leben nicht mehr so leicht von der Hand geht: Es gibt mittlerweile viele Hilfs-, Pflege- und Unterstützungsangebote für Senioren. Aber es ist nicht einfach, sich in den Paragraphen zurecht zu finden. Neutrale Beratung ist gut und wichtig. | © DPA

Brackwede Lotsen durch den Pflegedschungel

Hilfe im Alter: In einer neuen Serie widmet sich die NW den Möglichkeiten des Lebens, Wohnens und Versorgens. Eine wichtigen Anlaufstelle für Senioren und ihre Angehörige ist der Pflegestützpunkt

Susanne Lahr

Brackwede. "Alt werden ist nichts für Feiglinge", hat der bekannte deutsche Schauspieler und Entertainer Joachim "Blacky" Fuchsberger einmal gesagt, der 2104 im Alter von 87 Jahren gestorben ist. Diesen Satz würden wohl auch viele Bielefelder unterschreiben, die zu den Älteren und Hochbetagten gezählt werden. Ihre Zahl nimmt stetig zu. Fast überall (mit Ausnahme des Stadtbezirkes Mitte) liegt der Anteil derjenigen, die 60 Jahre und älter sind, über 25 Prozent, das sind rund 84.000 (* siehe "Fakten"). Für sie und ihre Angehörigen stellt sich irgendwann die Frage nach den Möglichkeiten des Lebens, Wohnens und Versorgens in dieser letzten Lebensphase. Die NW-Serie "Hilfe im Alter" widmet sich dieser Thematik. Die betagten Eltern haben sich bislang noch irgendwie im Alltag durchgewurschtelt. Doch jetzt geht es nicht mehr ohne Haushaltshilfe. - Die Ehefrau ist gestürzt, kommt nach den Knochenbrüchen nicht mehr auf die Beine, wird zum Pflegefall. - Der Ehemann erkrankt dementiell, seine eingeschränkte Alltagskompetenz belastet seine Frau, die dringend Hilfe und eine Auszeit braucht. - Nur einige schlaglichtartige Beispiele, die plötzlich viele Fragen aufwerfen, nicht zuletzt nach der Finanzierung möglicher Hilfs- und Entlastungsangebote. Niemand in Bielefeld muss sich allein durch den Paragraphen-Dschungel des Sozialgesetzbuches schlagen und unvorbereitet mit seinen Krankenkassen verhandeln. Mit den Pflegestützpunkten (PSP) in Bielefeld gibt es eine gute Möglichkeit, sich kostenlos und neutral über Unterstützungsmöglichkeiten zu informieren. "Leider kennen uns noch viel zu wenige", sagt Silke Aron vom Amt für soziale Leistungen in Bielefeld. Dabei gibt es die PSP - bei der es sich um ein gemeinsames Beratungsangebot der Pflegeberatung der Stadt und der Pflegekassen handelt - bereits seit 2011 und bewusst nicht nur im Rathaus. Auch in Heepen und Brackwede sitzt jeweils ein Team. 73 Prozent der Pflegebedürftigen ambulant versorgt Im Haus der Allgemeinen Ortskrankenkasse (AOK Nordwest) an der Germanenstraße 8 findet man Edith Reuter (AOK) und Claudia Baumgartner (Pflegeberatung Stadt) immer freitags von 9 bis 12 Uhr. "Wir sind für alle da", betont Edith Reuter noch einmal ihre Unabhängigkeit. Sie wollen die Menschen im Quartier beraten, die mit Pflegebedürftigkeit konfrontiert sind. Egal, ob sie selbst betroffen sind oder ihre Angehörigen. Mehr als die Hälfte der Ratsuchenden kommt persönlich. Denn die Probleme, die es zu besprechen gilt, sind häufig vielschichtig. "Wir sehen den Menschen oft an, wie belastet sie sind, wenn sie zu uns kommen. Manchmal fließen auch Tränen", schildert Claudia Baumgartner. Einfühlungsvermögen ist also gefragt. Beratungsgespräche können dann durchaus schon mal zwei Stunden dauern. Hauptzielsetzung des PSPs ist es, möglichst präventiv zu beraten und dadurch die Pflege zu Hause zu stärken. 73 Prozent* aller Pflegebedürftigen in Bielefeld (10.367 oder 3,2 Prozent der Bevölkerung) werden ambulant versorgt, 42 Prozent von ihnen ohne Inanspruchnahme professioneller Hilfe. Selbst fast die Hälfte der Schwerpflegebedürftigen in der Pflegestufe III (1.270) werden in der Regel noch zu Hause versorgt. Schätzungen gehen übrigens davon aus, dass die Zahl der Menschen, die Hilfe brauchen, aber noch durchs Pflegestufenraster fallen, doppelt so hoch ist wie die Zahl der Pflegebedürftigen nach den Definitionen des Sozialgesetzbuches. Die am häufigsten gestellte Frage im Pflegestützpunkt ist die nach der Finanzierung der verschiedenen Angebote. 484 der 1.750 Beratungen in Brackwede im Vorjahr drehten sich genau um dieses Thema. Weiteres Top-Thema ist die ambulante Pflege (442). Auch die Zahl der Widersprüche gegen die Pflegeeinstufung oder eben Nicht-Einstufung hat zugenommen (447). Rund 14 Prozent der Ratsuchenden sind Migranten. Es geht in den Beratungen um Tages-, Verhinderungs- und Kurzzeitpflege, betreutes Wohnen, stationäre Angebote, Pflegewohnungen, gerontopsychiatrische und Palliativ-Angebote und vieles mehr. Die Beratung von zwei Seiten - Stadt und Krankenkasse - ist dabei besonders hilfreich. "Wir profitieren voneinander und damit auch die Ratsuchenden", sagt Claudia Baumgartner. "Und wenn noch keine Kassenleistungen zustande kommen", ergänzt Silke Aron, "kann die Stadt zumindest denjenigen helfen, die unter den Einkommens- und Vermögensgrenzen liegen." Hausnotruf, Initiative Nachbarschaft, Behindertenberatung, Krankenhaussozialmanagement, Sozialhilfe oder die Wohnberatung der Stadt, die zu Hause stattfindet und auch bei der Antragsstellung und Durchführung hilft, sind beispielsweise Hilfsmöglichkeiten, die angesprochen werden können. "Es ist ein unheimliches Fachwissen gefordert, um den Hilfe-Mix möglichst weit auszuschöpfen", ergänzt Silke Aron. Einig sind sich die Damen, dass unser Gesundheitssystem in dieser Hinsicht viel zu kompliziert ist. Das sieht auch Andreas Schwarz so. Er ist Teamleiter Pflegekasse der AOK Bielefeld. Seit 2008 seien vier Pflegegesetznovellen in Kraft getreten, Anfang 2017 komme die fünfte. "Zwar werden die Leistungen verbessert, sind flexibler, aber durchsichtiger wird es dadurch für die Betroffenen nicht." Er bemängelt, dass die Pflege noch nicht den Stellenwert habe, den sie haben müsste, "die Beratung kommt zudem oft zu kurz". Bei den Kassen liege der Schwerpunkt noch zu sehr auf der "Abwicklung der Pflege, auf den administrativen Aufgaben", sagt er selbstkritisch. (Die AOK in Bielefeld betreut 6.800 Pflegebedürftige. Seit Januar 2014 hat sich ihre Zahl um 1.300 erhöht.) "Wir versuchen jedenfalls, einen roten Faden individuell für jeden zu stricken", betont Claudia Baumgartner. "Ja", sagt Edith Reuter und nickt, "jeder Fall ist anders." Und ihr schönstes Lob ist es, wenn jemand sagt: "Hätte ich nur früher gewusst, dass es sie gibt." www.bielefeld-pflegeberatung.de

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