Ludger K. begeistert sein Publikum mit viel Finesse und Zynismus. - © FOTO: JUDITH GLADOW
Ludger K. begeistert sein Publikum mit viel Finesse und Zynismus. | © FOTO: JUDITH GLADOW

Quelle Humor zum Nachdenken

Ludger K. begeistert mit viel Tiefsinn

Quelle (jgl). Eine Zimmerpflanze, ein Netbook, ein Glas Wasser und ein paar Bücher und Zeitschriften drängen sich auf dem kleinen Requisitentisch auf der Bühne im Zweischlingen. "Hilfe, ich werd' konservativ!" heißt das neue Programm, mit dem Ludger K. – der eigentlich Ludger Kusenberg heißt – seine mehr als 100 Zuschauer an diesem Abend zum Lachen bringt.

Blöde Witze gibt es nicht bei dem Kabarettisten, der ein wenig anders ist. Er bereitet mit feinsinnigem Humor eine große Bandbreite an Themen auf, ob es sich um das iPad als Lifestyle-Objekt, die Popkultur, den aktuellen NSA-Skandal oder sein eigenes Publikum handelt.

Auch sich selbst lässt er dabei nicht aus: Wenn es schlecht laufe, scherzt er, würde er einfach unter falschem Namen auftreten. Sein Coming-out als Konservativer sei ihm zunächst nicht leicht gefallen. "Auch für mich war das erst einmal ein Schock!" Konservativ sei viel zu sehr als Schimpfwort verunglimpft. Für ihn sind diejenigen konservativ, die die Welt so sehen, wie sie ist. "Die Gegenwartsbezogenen, Sachlich-Nüchternen sind alle konservativ", betont er.

Und so möchte er sein Publikum mitnehmen auf eine Outing-Reise: "Vielleicht sind ja hier auch einige heimliche Konservative." Es ist eine Reise, die es in sich hat: Kaum ein schwieriges Thema lässt Ludger K. an diesem Abend aus. Er verarbeitet humorvoll die Illusion der Selbstwahrnehmung – "Was wir im Spiegel sehen, das sind wir nicht" – und macht sich darüber lustig, wie häufig wir eigentlich nicht wissen, wie etwas funktioniert, und uns trotzdem darüber beschweren, wenn es nicht funktioniert. "Wir leiden unter exzessiver Expertitis!"

Auch das Trauma schlechthin der deutschen Geschichte lässt er nicht aus, führt die Vermarktung von Dokumentationen über den Nationalsozialismus vor und die Verkrampfung der deutschen Bildungslandschaft auf dieses Thema. In sein Programm eingeflochten, als thematische Anker den roten Faden bildend, sind die Bücher, aus denen er zitiert. So nimmt er mit dem "Untergang des Abendlandes" von Oswald Spengler den ideologisierten Individualismus und die Verdummung der Gesellschaft aufs Korn. Und mit der "Psychologie der Massen" von Gustave Le Bon und "1984" von George Orwell weist er auf die sprachliche Neudeutung von Begriffen hin, die durch ihre Umformulierung ihren negativen Beigeschmack verlieren, wie "Kompetenzteam" statt "Schattenkabinett" oder "Frühlingsbouillon" statt "Erbsensuppe".

Ludger K.'s Rezept gegen all diese Verirrungen und Fehlwahrnehmungen: ab und zu mal etwas oberflächlicher sein, die Dinge mit Abstand betrachten. Dass dieser Abstand durch Humor wunderbar herzustellen ist, beweist Ludger K. mit seinem eigenen Programm, das nicht nur zum Lachen sondern auch zum Nachdenken anregt.

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