Für die Ewigkeit: Auch wenn Grabstellen nach dem Ablauf der Liegezeiten abgebaut und die Steine vernichtet werden, bleiben sie durch das Grabstein-Projekt zumindest als Bild erhalten. Der Brackweder Jürgen Thannhäuser gehört zu den ehrenamtlichen Fotografen. - © Silke Kröger
Für die Ewigkeit: Auch wenn Grabstellen nach dem Ablauf der Liegezeiten abgebaut und die Steine vernichtet werden, bleiben sie durch das Grabstein-Projekt zumindest als Bild erhalten. Der Brackweder Jürgen Thannhäuser gehört zu den ehrenamtlichen Fotografen. | © Silke Kröger

Brackwede/Senne/Sennestadt Bielefelder fotografiert Grabsteine – bevor sie entsorgt werden

Datenbank: Der Verein für Computergenealogie lässt Grabsteine ablichten und die Bilder ins Netz stellen. Jürgen Thannhäuser ist für ihn auf den Bielefelder Friedhöfen aktiv

Silke Kröger

Brackwede/Senne/Sennestadt. Wenn die Ruhezeiten einer Grabstelle abgelaufen sind, wird der Stein abgeräumt und vernichtet, das Grab selbst eingeebnet. Wenn nicht rechtzeitig ein Foto gemacht wurde, bleibt für die Angehörigen nichts als die Erinnerung. Wer im Nachhinein nach den Ruhestätten von Verstorbenen sucht, findet auf den Friedhöfen keine Spur mehr von ihnen. Das zu ändern hat sich das Grabsteinprojekt vorgenommen. Ehrenamtliche Mithelfer fotografieren in ganz Deutschland und darüber hinaus Grabstellen und laden die Bilder ins Internet hoch. Jürgen Thannhäuser ist einer von ihnen. Der 64-jährige Bielefelder, der seit Jahresanfang in Rente ist, kam über die Ahnenforschung zu seinem ungewöhnlichen Hobby. 2004 ist er mit seiner Mutter nach Polen in die ehemalige Heimat seiner Eltern gefahren, die 1945 von dort vertrieben wurden. Der Zustand der alten Friedhöfe in Garki, dem Geburtsort seiner Mutter, und auch Heinrichswalde, wo sein Vater geboren wurde, erschütterten ihn. Er traf auf überwucherte Waldstücke, auf zugewachsene, zerstörte Gräber, auf Grabsteine und Grabreste, die wie Schutt einfach in ein kleines Tal geworfen worden waren. Das, was noch zuzuordnen war, fotografierte er, sammelte die Daten auf den noch erhaltenen Steinen. Durch Zufall stieß er dann, rund zehn Jahre später, auf das Grabsteinprojekt im Internet, das 2007 von einer kleinen Gruppe von Ahnen-und Familienforschern ins Leben gerufen worden war. „Ich habe gefragt, ob sie meine Bilder von den polnischen Friedhöfen haben wollten", erzählt er. Nach einer positiven Antwort lud er die Fotos in die Datenbank hoch, versehen mit Namen, Geburts-und Sterbedaten, sofern die noch zu entziffern gewesen waren. Zudem wurde er gefragt, ob er nicht Interesse habe, an seinem Wohnort Gräber zu dokumentieren. „Das war der Anfang", erinnert er sich. Fortan fotografierte Thannhäuser, ausgerüstet mit einer modernen, handlich-kleinen Kamera Grabstellen auf den heimischen Ruhestätten. „Ich gehe viel spazieren, aber ich muss ein Ziel haben", sagt er. Mittlerweile hat er über 30 Friedhöfe katalogisiert, in Gadderbaum, Quelle, Ummeln oder Brackwede – und auch den Alten Friedhof in Sennestadt. Außerdem drei Bereiche des riesigen Sennefriedhofs. „Aber da traue ich mich noch nicht ganz dran." Auf den Bildern, die Thannhäuser vor dem Hochladen bearbeitet und für die er dann auch die Daten einträgt, sind nur die reinen Grabsteine inklusive Inschrift zu sehen. Vorab prüft er, ob eine Veröffentlichung durch die Friedhofsatzung erlaubt ist. Rechtlich gebe es kein Problem, sagt er: Dazu gebe es ein Gerichtsurteil des Amtsgerichts Mettmann von 2015; das Foto zeige nur, was Besucher der öffentlich zugänglichen Friedhöfe sehen könnten. Auf seinen Touren wird der Bielefelder, der bereits 1954 mit seiner Familie nach Brackwede gezogen ist, immer mal wieder angesprochen. „Es gab bisher keine negativen Reaktionen, im Gegenteil: Die Leute waren hochinteressiert." Auch übers Internet habe er „bis auf ganz wenige Ausnahmen" nur positive Rückmeldungen bekommen – „auch aus dem Ausland, den USA oder Kanada, von Menschen, die nach ihren Vorfahren suchen". Der kleine Verein sucht dringend weitere ehrenamtliche Mitarbeiter, die Grabsteine fotografieren, Fotos bearbeiten oder auch nur die Daten eingeben wollen. „Interessenten können sich auch an mich wenden", sagt Thannhäuser. Kontakt: juergen.thannhaeuser@arcor.de. Weitere Infos: grabsteine.genealogy.net

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