Liefert Einsichten im Minutentakt: Ingo Börchers bei der Premiere seines Programmes "Immer ich" im Zweischlingen. - © Tarek Chafik
Liefert Einsichten im Minutentakt: Ingo Börchers bei der Premiere seines Programmes "Immer ich" im Zweischlingen. | © Tarek Chafik

Quelle Kabarettist Ingo Börchers zwischen Trump und Benjamin

Premiere: Börchers brilliert im ausverkauften Zweischlingen

Tarek Chafik

Quelle. Wenn sein Ich ein Du wäre, er würde es siezen: Intelligent, hintergründig und mit viel Verve präsentierte Ingo Börchers am Samstagabend sein neues Programm "Immer ich" in einem ausverkauften Zweischlingen. Wunderbar seziert der Lokalmatador darin verlorengegangene Gewissheiten und Identitäten, stellt er doch vorab die alles entscheidende Frage: "Wer ist ich"? Börchers liefert Antworten, etwa mit Blick auf Donald Trump, für den "das Ich eine Maßeinheit ist, auf deren Grundlage Regierungsentscheidungen getroffen werden". Von dem Egomanen im Weißen Haus ist es dann nicht weit zum Selfie-Wahn, inklusive einer kleinen Kulturgeschichte des Selbstbildnisses. Da wird Dürer, der es in der Renaissance zum Urvater des Selbstporträts gebracht hat, zum "Hipster" erklärt und war nicht auch die "Mona Lisa" von Leonardo da Vinci schon der Versuch des Malers, sich so zu zeigen, "wie er gerne gewesen wäre"? Alles von gestern, mag man meinen, ist online sein doch längst "zur Pflicht geworden" und hat doch die "Selfie-Stange" mittlerweile die Nordic-Walking-Stöcke abgelöst". Mit Folgen, auf die man nur mit der Philosophie antworten kann: Heute werden 20 Millionen Selfies allein in Deutschland täglich ins Netz gestellt, da "wir das Fotografieren nicht sein lassen können, weil wir uns nicht sein lassen können" räsoniert der Kabarettist. Doch zum Glück gibt es einen Walter Benjamin, der schon wusste, dass der "Kultwert von Dingen nicht von ihrer Sichtbarkeit abhängt sondern von ihrer bloßen Existenz". Bleibt der Umstand, dass "Selbstdarstellung zum Existenzbeweis" verkommen ist und sich kaum noch jemand um Datenschutz schert, zieht es der Mensch von heute doch vor, "lieber überwacht als übersehen zu werden". Es sind solche Einsichten, die Börchers im Minutentakt von sich gibt und die das Publikum begeistern. Natürlich muss dabei auch aus der eigenen Biografie berichtet werden, schließlich war Börchers dabei, wie aus "Aerobic Faszientraining und aus Futons Boxspringbetten" wurden. So jemand hat das meiste schon längst hinter sich, und da helfen dann auch keine aufmunternden Kalendersprüche mehr nach dem Motto "Man muss das Leben vorwärts leben, verstehen kann man es nur rückwärts". Völliger Quatsch, sagt der Kabarettist: "Leben rückwärts gelesen ergibt Nebel." Der lichtet sich dank dieses Künstlers und seines neuen KabarettProgrammes. Wegen der großen Nach- frage steht Börchers übrigens am kommenden Donnerstag, 23. März, wieder auf der Bühne im Zweischlingen. Beginn ist um 20 Uhr.

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