Eltern mit Hilfebedarf: Sabrina und Andreas Domhöver sind seit zwei Jahren verheiratet, nun in Sohn Noah dazu gekommen. Um zu sehen, welche Hilfestellung die beiden fürs Familienglück brauchen, sind sie jetzt in die Clearingstelle für Begleitete Elternschaft gekommen. - © Susanne Lahr
Eltern mit Hilfebedarf: Sabrina und Andreas Domhöver sind seit zwei Jahren verheiratet, nun in Sohn Noah dazu gekommen. Um zu sehen, welche Hilfestellung die beiden fürs Familienglück brauchen, sind sie jetzt in die Clearingstelle für Begleitete Elternschaft gekommen. | © Susanne Lahr

Bielefeld Bundesweites Pilotprojekt für Eltern mit Handicap in Ummeln gestartet

Clearingstelle und Familienwohnen unter einem Dach. Bethel regional sucht Perspektiven für behinderte Eltern und ihre Kinder

Susanne Lahr

Ummeln. Noah blickt mit wachen Augen, während Mama Sabrina Domhöver ihn mit Möhrenbrei füttert. Der stolze Papa Andreas assistiert. Die beiden 28-Jährigen und ihr Sohn waren die ersten Bewohner der neuen Clearingstelle Begleitete Elternschaft in Ummeln, die zu Jahresbeginn in Betrieb gegangen ist. Ende Januar werden alle 24 Plätze belegt sein, die Bethel regional für junge Eltern mit geistiger Behinderung und deren Kinder vorhält. Doch das Projekt an der Eichenstraße, das zusammen mit der Bielefelder Gesellschaft für Wohnen (BGW) realisiert wird, hat noch eine weitere Facette, die sie bundesweit zu etwas Einmaligem macht. Inklusives Wohnen heißt das Stichwort. Denn im gleichen Haus wie die Clearingstelle sind in den beiden oberen von vier Etagen zehn öffentlich geförderte Wohnungen entstanden, die von der BGW bevorzugt an Familien vermietet werden. Die ersten Mieter ziehen im Februar ein, nur noch eine Zwei-Zimmer-Wohnung ist überhaupt frei. „Die Kombination von Familienwohnen und Clearingangebot ist ein Pilotprojekt und ein vorbildliches Beispiel für gelebte Inklusion", betont Oliver Klingelberg, Sozialmanager der BGW. Es sei keine Insellösung, sondern strahle in das Quartier hinein. Damit es Realität werden konnte, mussten bürokratische Grenzen überwunden werden, so dass Fördergelder aus der Wohnbauförderung und aus der Förderung für Menschen mit Behinderung generiert werden konnten. Dafür sind alle Beteiligten nach Düsseldorf gefahren, um Überzeugungsarbeit zu leisten. Mit Erfolg. 2,6 Millionen Euro Landesförderung gibt es insgesamt für das Inklusions-Vorzeigeprojekt. 4,6 Millionen Euro kostet es. Das von Alberts-Architekten (Sennestadt) geplante u-förmige Gebäude bietet Möglichkeiten der Begegnung – im Innenhof, in kleinen Grünzonen, in den gemeinsamen Treppenhäusern. „Wir sind stolz und glücklich, das fast fertige Objekt heute präsentieren zu können", sagt Sabine Kubitza, Geschäftsführerin der BGW. Und so werden künftig zwölf Eltern mit Handicap und zwölf zumeist kleine Kinder das stationäre Clearingangebot nutzen. Es gibt zehn kleine Appartements und zwei Drei-Zimmer-Wohnungen sowie eine eigene kleine Kita. Ein multiprofessionelles 21-köpfiges Team unter Leitung von Petra Thöne sorgt für eine 24-Stunden-Betreuung. Sechs bis neun Monate lang wird von den Fachleuten von Bethel regional geschaut, welche Hilfebedarfe die behinderten Eltern und ihre zumeist nicht-behinderten Kinder haben. Es gilt herauszufinden, welche Wohnform für alle die am besten geeignete ist – ob ambulant oder stationär, in einer Gastfamilie oder selbstständig, oder ob Kinder und Eltern letztlich doch getrennt leben müssen. „Wir beobachten, wir begleiten und machen die Eltern im Rahmen ihrer Ressourcen fit", sagt Petra Thöne. „Das ist ein breites, diffiziles Spektrum, das wir hier abarbeiten." Stefan Helling-Voß, Geschäftsführer von Bethel regional, würde sich ebenso wie Jens Hagedorn vom Bielefelder Bauamt wünschen, dass sich diese Form der Inklusion stadtweit ausbreitet.

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