Bielefeld Dank ausländischer Pflegekräfte können viele Senioren zu Hause wohnen bleiben

„Die Pflegerin ist ein Goldschatz“

Sibylle Kemna

Bielefeld-Brackwede/ Senne. "Die geb ich nicht her, die ist mein Goldschatz", sagt Lore Rusche und umarmt die polnische Pflegerin Maria. Sie ist seit einem Jahr die große Stütze der Ummelner Familie und zugleich so etwas wie ein Familienmitglied. Die polnische Pflegekraft ermöglicht dem Seniorenehepaar, Zuhause wohnen zu bleiben. Als ihr Mann Karl-Heinz "immer schlechter zu Fuß" war, wandte sich Lore Rusche an die "Pflegehelden" in Senne. "Hier bin ich geboren, mein Vater auch schon, hier will ich nicht weg", sagt die alte Dame und blickt in den Garten und über die Felder. "Das ist unsere Welt. Für das Altenheim hätten wir alles aufgegeben." Ein Ausweg boten die "Pflegehelden" in Senne. (Die Pflegehelden OWL sind ein Franchiseableger der Pflegehelfen Deutschland.) Leiterin Kerstin Machwitz suchte zusammen mit dem polnischen Partnerunternehmen, bei der die Pflegekräfte angestellt und versichert sind, Maria aus.   Und ein paar Tage später stand sie mit ihr vor der Haustür der Rusches. "Ich war ja skeptisch, eine Fremde in unser Haus und unser Leben zu lassen, doch Maria habe ich schnell ins Herz geschlossen", sagt Lore Rusche. Der Polin geht es genauso. "Ich dachte immer, Deutsche wären kalt, doch jetzt kenne ich lustige, herzliche Leute", sagt sie. Sie hat ein Zimmer im Haus, wohin sie sich zurückziehen kann, ist aber immer zur Stelle, wenn ihre Hilfe benötigt wird. "Wir lachen viel", erklärt die 55-jährige Polin, die mit ganzem Herzen dabei ist. "Natürlich mache ich es auch für das Geld. Aber es macht mir auch viel Freude", versichert sie. Dass Maria alle drei Monate für zwei Wochen nach Hause fährt und sie eine andere Helferin bekommt, dafür haben die Rusches volles Verständnis. "Sie muss auch eine Pause machen und mal nach Hause fahren. Und wir haben mit den Vertreterinnen großes Glück gehabt." Mehrere tausend Familien in Bielefeld haben eine osteuropäische Helferin und vermeiden so den Einzug in ein Seniorenheim. "Das ist kein Selbstläufer, auch für die Angehörigen nicht. Man muss sich kümmern, die Helferin offen aufnehmen und manchmal auch noch einen Pflegedienst dazu holen", erklärt Machwitz. Schließlich dürfen die polnischen oder tschechischen Helferinnen keine medizinischen Leistungen erbringen und seit dem Mindestlohngesetz nur 37 bis 45 Stunden die Woche arbeiten. "Doch sie wohnen vor Ort, können also jederzeit einspringen und bieten eine 1:1-Betreuung, das hat man nirgendwo sonst", betont die Chefin der "Pflegehelden", die sich vor fünf Jahren mit diesem Dienst in Senne selbstständig machte. Die Helferinnen werden integriert in die Familie, haben zwar ein eigenes Zimmer, aber essen mit den Senioren und helfen bei allen Vorrichtungen im Haushalt, beim Einkauf, bei Arztbesuchen. "Da muss die Chemie stimmen", unterstreicht Machwitz, die mit viel Einfühlungsvermögen zusammen mit den Partnern in Polen versucht, die passenden Paare zusammen zu bringen. Ihre Mitarbeiterin Ella Wisiorek ist gebürtige Polin und begehrte Ansprechpartnerin für die Helferinnen. Die Leistung ist nicht billig. Mindestens 2.000 Euro im Monat müssen die Familien bei den "Pflegehelfen" aufbringen, bei freier Kost und Logis. Machwitz findet es "ärgerlich, dass diese Art Betreuung so wenig bezuschusst wird von den Pflegekassen." Von der Pflegekasse gibt es nur wenige hundert Euro, zwischen 1.500 und 1.900 Euro müssen sie und ihre Kinder aufbringen. "Da spart die Kasse viel Geld. Für diese vielen Menschen, die von osteuropäischen Helfern betreut werden, gebe es gar keinen Pflegeplatz", sagte die "Pflegehelden"-Mitarbeiterin. Legale oder illegale Pflegekräfte aus Osteuropa Das Thema „Pflegekräfte aus Osteuropa" ist sehr umstritten. Dabei spielt auch die Frage hinein, wie legal die Beschäftigungsverhältnisse sind. Es gibt die Möglichkeit der direkten Anstellung, Arbeitnehmer aus osteuropäischen EU-Mitgliedsstaaten benötigen keine Arbeitserlaubnis mehr. Dabei müssen alle Regeln des Arbeitsrechtes und -schutzes eingehalten werden. Bei der Vermittlungsvariante entsenden osteuropäische Dienstleistungsagenturen ihre Mitarbeiter nach Deutschland. Dabei trennen sich Spreu und Weizen. Seriöse Arbeitgeber können A1-Bescheinigungen für ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter vorweisen, das heißt, für diese werden im Heimatland Sozialabgaben entrichtet. Sie sind gesetzlich krankenversichert und bekommen deutschen Mindestlohn. Damit kostet ein solche Betreuung ab etwa 1.900 Euro aufwärts, was auch von den Sprachkenntnissen und der Ausbildung abhängt. Aber selbst examinierte polnische Pflegerinnen dürfen beispielsweise in Deutschland nur Grundpflege ausüben. Vorsicht ist bei selbstständigen Pflegekräften geboten. Dort besteht das Risiko der Scheinselbstständigkeit. Wenn sich das später als gegeben herausstellt, wird der Haushalt nachträglich zum Arbeitgeber und muss sämtliche Beiträge zur Sozialversicherung und Einkommenssteuer zahlen. Der Bundesverband privater Anbieter sozialer Dienste geht von rund 100.000 illegalen Pflegekräften aus, die zum Teil auch über kriminelle Schleuserbanden vermittelt werden. Schwarzarbeit ist in Deutschland nicht erlaubt und wird mit Strafen belegt. Wer illegal Personen beschäftigt, muss mit einem Bußgeld bis zu 25.000 Euro rechnen, die nicht abgeführten Sozialabgaben nachzahlen und dass ein Strafverfahren gegen ihn eingeleitet wird. Weitere Auskünfte gibt es bei der Agentur für Arbeit, bei der Verbraucherzentrale oder über Angehörigenportale wie beispielsweise Pflege-durch-Angehoerige.de

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