In sechs Bauteile zerlegbar: Frank Becker lehnt an einem seiner zwei Projektoren, Bauer Sonolux II von 1936, der durch seine raffinierte Bauweise gut transportabel ist. Ganz rechts unten ist der Griff des vorderen Koffers zu sehen. - © Silke Kröger
In sechs Bauteile zerlegbar: Frank Becker lehnt an einem seiner zwei Projektoren, Bauer Sonolux II von 1936, der durch seine raffinierte Bauweise gut transportabel ist. Ganz rechts unten ist der Griff des vorderen Koffers zu sehen. | © Silke Kröger

Brackwede Der ehemalige WIG-Vorsitzende Frank Becker wird Schauspieler

Der Brackweder Medienarchivar fährt in anderthalb Wochen zum Übernacht-Dreh in Südtirol als Filmvorführer in einem NS-Polit-Drama

Silke Kröger

Brackwede. Der Anruf kam ganz unvermutet. "Ich liege am Strand in der Sonne auf Mallorca, da klingelt das Handy, und wer ist dran? Das Studio Babelsberg", erzählt Frank Becker, Brackweder Kaufmann, Vorstandsvorsitzender der Frank-Becker-Stiftung und unermüdlicher Sammler und Archivar von neuerem und historischen Filmmaterial. Eigentlich wollte das Studio von Becker, in dessen Archiv sich auch historische Kinotechnik und Equipment findet, für seine neue Produktion, das NS-Politdrama "Radegund", für eine Filmszene nur einen kleinen Projektor ausleihen. Regisseur Terrence Malick erzählt in dem Werk die Geschichte des österreichischen Kriegsdienstverweigerers und Widerstandskämpfers Franz Jäger, der von August Diehl gespielt wird. Jäger wurde wegen "Wehrkraftzersetzung" 1943 zum Tode verurteilt und Jahrzehnte später von Papst Benedikt XVI. seliggesprochen. Beckers Projektor sollte in einem Kasernenhof - Drehort ist die riesige Festung Franzensfeste - einen NS-Streifen zeigen, den der Brackweder praktischerweise ebenfalls liefern konnte. Doch so, wie sich die Filmleute das vorstellten, funktionierte es dann doch nicht, wie ihnen der Fachmann erläuterte: "Kleine Projektoren wurden 1940 wohl in Schulen eingesetzt, aber keinesfalls auf einem Kasernenhof." Darüber hinaus mache so ein kleiner Apparat vor der Filmkamera nichts her. Viel besser geeignet und historisch korrekt sei eine Wanderkinomaschine. Davon besitzt Becker gleich zwei Exemplare aus dem Jahr 1936. Diese seien von der Wehrmacht genutzt worden, um den Soldaten an der Front ihre Freizeit zu verschönern - auch in Russland, so Becker. Entsprechend robust, einfach, aber effektiv ist die Technik der Projektoren, die sich problemlos in sechs handliche Koffer-Bauteile zerlegen lassen: "Aber die meisten sind im Krieg auf der Strecke geblieben." Zwei Geräte landeten nach dem Krieg bei einem Friedrichsdorfer Kinobesitzer, von dem Becker sie Anfang der 80er Jahre übernahm. Nach dem ersten Kontakt hörte Becker erst einmal nichts mehr von Babelsberg, bis zu dem Anruf auf Mallorca. Die Filmleute im fernen Potsdam hatten sich Beckers Worte durch den Kopf gehen lassen und die von ihm geschickten Fotos gesichtet. Nun wünschten sie sich die Wanderkinomaschine, für die Filmaufnahmen am besten per Spedition nach Südtirol geschickt. Das allerdings kam für Becker nicht in Frage - "am Ende wären dort nur die Einzelteile angekommen". Er wies auch darauf hin, dass es wohl kaum jemanden vor Ort gebe, der das Gerät bedienen könnte. "Also fragten sie, ob ich bereit wäre, die Filmvorführung zu übernehmen und die Maschine mit nach Tirol zu bringen." In den zahllosen folgenden Abstimmungsgesprächen - Drehtermin, Aufnahmeort, Spesen, Benzinkosten, Hotel und vieles mehr - konnten dann weitere filmische Unstimmigkeiten und Details geklärt werden. An eine Leinwand etwa hatte offenbar bislang keiner gedacht, dazu solle nun ein großes weißes Bettlaken dienen, erzählt Becker - fein säuberlich gebügelt, um ungewollte Falten zu vermeiden. Auf seinen Hinweis hin ("Tagsüber sehen Sie auf der Leinwand nichts") werde die Szene jetzt nachts gedreht, und zwar vom 1. auf den 2. August. Wie er für den Film geschminkt, was er tragen und ob sein Haar gefärbt wird, weiß Becker noch nicht. Nur, dass er in seiner Szene nicht sprechen muss und die Kamera einmal hinten um die Leinwand und dann auf ihn zu fahren wird. Für das Filmmaterial der Kinomaschine nimmt Becker eine digitale Datei, die dazu wieder auf Zelluloid ausbelichtet wird, als 35-Millimeter-Version: das Wochenschaustück "Sieg im Westen" über den Frankreich-Feldzug 1940 mit Panzern, Soldaten, Schießereien, viel Feuer und Qualm. Und natürlich gibt es auch eine Gage. Dessen Höhe will Becker aber nicht verraten. Nur soviel: "Die spende ich der Stiftung."

realisiert durch evolver group