Quelle Ein bisschen seltsam

Musikkabarettistin Anna Piechotta feiert die Renaissance des Kunstliedes

VON ALEXANDER HEIM
Anna Piechotta erzählt nicht nur lustige Geschichten, sie weiß auch das Piano artgerecht zu bedienen. - © FOTO: ALEXANDER HEIM
Anna Piechotta erzählt nicht nur lustige Geschichten, sie weiß auch das Piano artgerecht zu bedienen. | © FOTO: ALEXANDER HEIM

Quelle. Mal lockt sie ihre Zuhörer ins Absurde. Dann wieder gönnt Anna Piechotta ihnen die Entspannung von Subdominante, Dominante und Tonika. Um im nächsten Moment im Schatzkästchen der Harmonien aus dem Vollem zu schöpfen und gleichwohl nachdenklich zu werden. Den Pfad des politisch Korrekten verlässt sie nur allzu gerne, spielt mit Stimme, Stimmung und Vorstellung. Am Samstagabend war die 32-Jährige mit ihrem aktuellen Programm "Komisch im Sinne von seltsam" zu Gast im Zweischlingen.

Ja, sie kokettiert sichtlich mit ihrer Erscheinung und ihrem Wesen. Ihr Manager, lässt sie das Publikum wissen, habe ihr ein Briefing mit auf den Weg gegeben. Das gelockte Haar und das hübsche Kleidchen – sie wären Teil dieser Image-Kampagne. "Wenn du ein komisches Programm hast", habe er sie wissen lassen, "musst du auch komische Sachen machen." Komisch – im Sinne von seltsam eben.

Kann von so einem hinreißenden Geschöpf Böses ausgehen? Ja, kann es. Bitterböses sogar. Etwa, wenn Anna Piechotta das Nachtlied vorstellt, mit dem sie etwaige zukünftige Kinder beglücken wollen würde. Die Ärzte lassen grüßen.

Oder, wenn sie von der Stalkerin singt, die StudiVZ auf ihre ganz eigene Weise nutzt. Da wird der Vortrag nicht nur disharmonisch, sondern ebenso gespielt unschuldig wie gefährlich. Eine Hymne auf das Landleben hat sie für die Gäste im Zweischlingen parat, berichtet – natürlich in Tango-Rhythmus – über die Träume der Tänzerin Maria in Argentinien. Dramatisches Geigensolo inklusive. Sie liebt die Überzeichnung – textlich ebenso wie musikalisch – unterstreicht, das sie sich auf dem Klavier in allen Stilrichtungen zu Hause fühlt und Mozarts Don Giovanni ebenso zu imitieren vermag wie sie Jazz, Blues und Soul eine Heimstatt gibt. Und Apropos Imitation: selbst das angebliche Russisch, das sie Wladimir Putin in dessen Ode an sein Frettchen in den Mund legt – und freundlicherweise simultan übersetzt – kauft man ihr ab. Die gebürtige Cochemerin, die in Hannover Gesang und Germanistik studiert hat, scheint die Besucher auf eine Zeitreise mitnehmen zu wollen. Denn ein ums andere Mal wähnt man sich mit ihren Arrangements und Texten in den 1920er Jahren.

Texte, die Geschichten erzählen. Anrührende, wie jene von der Frau, die sich in den Untermieter verliebt – und der sie doch so schmählich im Stich lässt. Geschichten, die unerwartete Wendungen nehmen. Und manchmal auch solche, die einen ins Grübeln bringen. Etwa, wenn sie bei "Schatten" fragt: "Denkst Du manchmal auch an mich – oder nur an den Schein?" Oder, wenn sie über das Geschehen in Zimmer 434 erzählt.

Doch wohler fühlt sie sich mit den skurrilen Berichten über die Vergesslichkeit und deren Folgen. Oder über Kinder, die Eltern mit ihren Fragen vor Herausforderungen stellen.

Den ein oder anderen Witz mischt Anna Piechotta darunter: Warum Frauen oft so lange in der Küche verweilten? "Das liegt an der Herd-Anziehungskraft." Warum manche Frauen vom Hochhaus sprüngen? "Sie haben die neue Always mit Flügeln für sich entdeckt." Und: Treffen sich zwei Freundinnen. Erzählt die eine: "Ich war beim Schwangerschaftstest!" Fragt die andere: "Und? Waren die Fragen schwer?"

Schade nur, dass bei so viel Fertigkeit das Fingerspitzengefühl für die Technik ins Hintertreffen geriet. Ein paar Dezibel weniger hätten dem ansonsten wirklich wunderbaren Programm ganz sicher keinen Abbruch getan.

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